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Unbeschreibliche Schönheit und erdrückende Armut

Guten Morgen/Abend/was auch immer,

jeden Tag lerne ich neue Bedeutungen des Wortes „Costa Rica“ kennen. Costa Rica, das meint zum einem unbeschreibliche Schönheit und zum anderen erdrückende Armut. Die Kriminalität soll zwar angeblich im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern äußerst gering sein und doch finde ich hier nirgends ein wirkliches Gefühl von „Sicherheit“. Ich sitze gerade im zehn Quadratmeter-Garten meiner Familie und fühle mich regelrecht in den Gitterstäben gefangen. Auch ein streifenfreier Blick aus meinem Zimmerfenster bleibt mir verwehrt. Andererseits sind diese Vorkehrungen durchaus notwendig: Am Wochenende habe ich mit anderen Austauschschülern die benachbarte Stadt Alajuela besucht. Wir sind mit gemischten Gefühlen durch die Straßen gegangen, denn die Begegnung mit den vielen sich anbietenden Frauen, zu unfassbar günstigen Preisen Drogen anbietenden Gestalten und unzählbar vielen Taschendieben, waren uns nicht gerade angenehm. Die Blicke der vielen Passanten ließen uns regelrecht schmutzig fühlen, wir sind keine Ticas – das kann jeder sehen. Wir sind größtenteils groß, hellhäutig und haben eine ganz andere Haarfarbe. Aber wenn man alleine unterwegs ist lässt sich das ständige Hupen, Pfeifen und Komplimente zurufen kaum ertragen. Im Gegenteil es macht Angst… als Mädchen sollte man hier in der Dunkelheit besser niemals alleine unterwegs sein. Hin und wieder würde ich mir gerne ein Schild umhängen: „SI, SOY ALEMANA“.

Außerdem ist hier alles wahnsinnig verdreckt und es ist schon eine Besonderheit, falls irgendetwas einmal einwandfrei funktionieren sollte. Für die Suche nach einem Mülleimer benötigt man durchschnittlich fünf Minuten und meistens landet sowieso alles auf der Straße. Übernachtet haben wir in einer der schlechtesten Unterkünfte, die man sich mit viel Fantasie gerade noch so vorstellen kann. Die Betten wurden wahrscheinlich noch nie gewaschen und überall wimmelte es nur so von Viehzeug, das man beim Schlafen eigentlich nicht gerne auf sich sitzen hätte. Kakerlaken im Waschbeutel und Chamäleons an der Decke sind da noch harmlose Erfahrungen, Ameisenbauten nicht erwähnenswert, reinregnen und eisige Kälte unscheinbare Nebenerscheinungen. Größtenteils gab es keinen Strom und Duschen waren unbenutzbar. Trotz allem eine sehr interessante Erfahrung, denn eine solche Unterkunft würde es in Deutschland niemals geben.

Dafür war unser Tagesausflug zum Vulkan ein wirklich wunderschönes Erlebnis: ein Großteil der Natur hier scheint wirklich unberührt zu sein, die Lagune hätten wir wirklich gerne zum Schwimmen genutzt. Dennoch habe ich mich am Ende der gemeinsamen Zeit sehr darauf gefreut endlich wieder bei meiner Gastfamilie sein zu dürfen, das muss ich ehrlich eingestehen.

Am Montag durfte ich meinen ersten Schultag hier erleben. Der Unterricht läuft ausschließlich frontal ab und es gibt daraus folgernd auch keine mündlichen Noten. Wenn der Lehrer eine Frage stellt rufen die Schüler ihren Lösungsvorschlag absolut emotionsgeladen in den Raum. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich mir ein solches Verhalten in einem deutschen Klassenzimmer vorstellen würde. Die Räume sind ziemlich klein und jeweils einer einzelnen Person zugewiesen. Hier sind es die Schüler, die wandern müssen. Es gibt keine Tische, sondern nur kleine Brettchen, die an den Stühlen angebracht sind. Die letztendlich Benotung setzt sich aus den eingesammelten Hausaufgaben und monatlich geschriebenen Arbeiten zusammen. Man erwartet von mir, dass ich alles, was in der letzten Erarbeitungsepoche durchgenommen wurde, selbstständig nacharbeite und sämtliche Tests mitschreibe. Alleine für eine Art Referat in einem Fach, das ungefähr einem Zusammenschluss von Geschichte und Politik entspricht, habe ich drei Stunden gebraucht – mir fehlt einfach so viel Fachvokabular. Physik-Mathe (besteht nur aus physikalischen Rechnungen) und Mathe empfinde ich hingegen relativ einfach, auch wenn ich den Stoff so noch nie durchgenommen habe: Zahlen und Symbole sind überall identisch. Englisch beherrsche ich sogar besser als meine Lehrerin, die in ihren Hausaufgabenformulierungen teilweise grässliche Elementarfehler einbaut. In Biologie weiß ich hingegen nicht einmal Ansatzweise, worum es überhaupt geht. Ich vermute, dass das Themengebiet irgendwie mit Photosynthese zusammenhängt, bin mir aber nicht ganz sicher. Angeschrieben wird hier sowieso nie etwas: Jeder Schüler ist selbst dafür zuständig, wie viele Notizen er sich macht, um nachher für die Arbeiten lernen zu können. Zeit für einzelne Personen gibt es bei einer Klassenstärke von 42 Schülern so oder so nicht. Da für die gigantische Schülerzahl nicht genügend Räume und Lehrkräfte zur Verfügung stehen hat eine Hälfte jeweils vormittags und die andere nachmittags Unterricht. Montags bin ich den ganzen Tag in der Schule, dienstags und donnerstags am Vormittag und daraus resultierend Mittwoch und Freitag nachmittags. Insgesamt ein sehr eigenartiger Stundenplanaufbau mit jeweils 40 Minuten Unterricht, vielen Doppelstunden und abgesehen von einer ebenfalls 40-minütigen Mittagspause kaum freie Zeit.

Die Aussage, dass eine Schuluniform in gewisser Weise Identitätsverlust bedeuten könnte, nehme ich hiermit zurück. Es gibt tatsächlich unglaublich viele Möglichkeiten sie individuell zu tragen. Vor allem Mädchen machen davon auf ganz kreative Art und Weise Gebrauch: Da werden neue Knöpfe eingenäht, viel Schmuck, Tücher, Gürtel etc. getragen, eigene Strickjacken darüber angezogen… außerdem ist es für mich bedeutend einfacher, weil ich gar nicht die Möglichkeit habe mich „falsch“ oder besonders auffällig zu kleiden. Dennoch findet sich auch hier wieder unfassbar viel Kitsch.

Meine neuen Klassenkameraden haben mir das Zurechtfinden sehr erleichternd. Auch hier wieder die Feststellung, dass Austauschschüler, die nach Deutschland kommen, es bedeutend schwerer haben müssen. Sie nehmen sich wahnsinnig viel Zeit für mich und erklären mir alles so lange, bis ich es irgendwann endlich verstanden habe. Der Umgang ist ebenfalls wieder sehr auf Körperkontakt angelegt und Höflichkeitsfloskeln haben eine sehr große Bedeutung. Nicht nach dem Wohlbefinden zu fragen erscheint hier schon fast als Sünde. Beim Kennen lernen muss man stets betonen, wie sehr man sich darüber freuen würde und Bedanken ist sowieso bei jeder Kleinigkeit Pflicht. Auch das Telefonieren gehört irgendwie dazu. Costaricaner telefonieren immer und ständig, auch wenn es sich um noch so unwichtige Fragen handelt, die man in Deutschland ohne schlechtes Gewissen selbst entscheiden würde. Allmählich sollte ich meine E-Mail beenden, denn ich werde schon bald den Bus zur Schule nehmen müssen und anschließend ein weiteres langes Stück laufen.

Jenna
27.7.06 21:47
 


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