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Interview Schülerzeitung

Weshalb hast du dich für ein Austauschjahr in Costa Rica entschieden?
Generell sehe ich in einem längeren Auslandsaufenthalt die Chance gänzlich in eine andere Kultur eintauchen zu können und eine Sichtweise zu gewinnen, die mir bei einem Touristen-Dasein verwehrt geblieben worden wäre. Meine anfänglichen Überlegungen waren deshalb diesbezüglich ziemlich weitläufig – ich konnte mir prinzipiell beinahe jedes Reiseziel vorstellen. Letztendlich begannen sich allmählich nach eingehender Information klare Vorstellungen von „meinem“ Jahr herauszukristallisieren. Die lateinamerikanische Lebensweise, der eine gewisse Leichtigkeit des Seins nachgesagt wird und die deutlich von der deutschen Mentalität abweicht, faszinierte mich. Die fehlenden Sprachkenntnisse nahm ich hingegen nicht als Hindernis wahr (zumal ich durch die freiwillige Teilnahme am Spanischunterricht der höheren Klassenstufen die Möglichkeit hatte, mir im Vorfeld zumindest einen Grundwortschatz zu erarbeiten). Natürlich stößt man bei eingehender Beschäftigung auch auf Schattenseiten, dennoch überwog die Begeisterung aller, die diesen Schritt bereits gewagt hatten. Auch ich lernte allmählich zwischen Uruguay und Paraguay zu unterscheiden. Das meine Entscheidung letztendlich auf dieses kleine, mittelamerikanische Land fiel, ist hauptsächlich auf dessen Naturvielfalt zurückzuführen. Außerdem erschloss sich mir dadurch die Möglichkeit die fast zweimonatigen Sommerferien in den USA zu verbringen.

Wie lange lebst du schon in Lateinamerika?
Physisch angekommen bin ich am 16. Juli des letzten Jahres, als ich am Flughafen in San José zum ersten Mal meiner zukünftigen Gastfamilie gegenüberstand. Die tatsächliche Bedeutung habe ich allerdings erst viel später realisiert. Es gab Momente, deren Eindrücke in der Lage waren, mich vollkommen gefangen zu nehmen und in denen ich plötzlich wirklich dachte: „Jenna, DU bist hier in Costa Rica“. Es ist unbeschreiblich durch das tiefgrüne Wasser eines Flusses zu gleiten, vorbei an den Palmen und Mangroven, den ins Wasser hängenden Blättern und Lianen… das Sonnenlicht bricht durchs Blätterdach und man ist umgeben von der feucht-heißen Luft und den Geräuschen des Urwaldes, während mit ein wenig Glück Krokodile, Affen, Ibisse und Papageien beobachtet werden können.

Was fasziniert dich an diesem Land?
Zunächst natürlich die Geografie an sich: einsame Karibikstrände in Postkarten-Qualität, viele geschützte Regenwälder und aktive Vulkane. Ich habe bereits Erdbeben gespürt und riesige Meeresschildkröten bei der Eiablage beobachten können. Die Möglichkeit im Prinzip jedes Wochenende als „Rucksacktourist“ unterwegs zu sein und beim Aufbrechen mein genaues Ziel noch nicht zu kennen, genieße ich sehr. „Plötzlich“ findet man sich in Panama, Nicaragua oder Cuba wieder. Auch allgemein ist das Leben geprägt von Spontaneität und Offenheit. Mich beeindruckt noch immer sehr, dass meine Gastfamilie mich wirklich in ihr Herz aufgenommen hat. Die Liebe zu ihrem eigenen Land und die Begeisterung mir ihre Kultur nahe zu bringen, scheinen beinahe alle Ticos zu teilen. Deshalb bin ich auch durchaus in der Lage gewisse Oberflächlichkeiten und Unzuverlässigkeiten zu übersehen – frei nach dem costaricanischen Lebensmotto „Pura Vida“ (reines Leben).
Dennoch finde ich es unangebracht nur nach den positiven Aspekten zu fragen. Denn „Costa Rica“, das bedeutet für mich zwar zum einem unglaubliche Schönheit, zum anderem aber auch erdrückende Armut, hohe Kriminalität, ausgeprägten Drogenhandel, Prostitution, häufig ausfallende Wasserversorgung, geringes Umweltbewusstsein und viele Sonnenbrände.

Wie verläuft denn ein gewöhnlicher Schultag für dich?
Eigentlich wäre eine derartig oberflächliche Darstellung des Schulsystems nicht angemessen, weil zwangsläufig Rückschlüsse gezogen werden würden, die sich aufgrund der Komplexität der Thematik nicht untermauern ließen. Dieses hängt wahrscheinlich auch mit den Ansprüchen unterschiedlicher Kulturen an die Einrichtung Schule zusammen. Ich selbst war zum Beispiel über den aktuellen UN-Deutschlandbericht des Ticos Vernor Muñoz schockiert, während mein Gastvater der Überzeugung war, meine spanischsprachige Satire der alltäglichen Unterrichts-Erlebnisse noch einmal komplett neu formulieren zu müssen.
Dennoch möchte ich vor diesem Hintergrund meine subjektive Eindrücke schildern, obwohl sie sich nicht mit den offiziellen Informationen decken, nach denen Costa Rica ein „modernes, international ausgerichtetes Schulsystem“ hätte:
Der Unterricht an einem staatlichem „Colegio“ beginnt offiziell bereits um sieben Uhr morgens. Allerdings habe ich sehr schnell realisiert, dass es vollkommen ausreichend ist, erst zwei Stunden später zu erscheinen. Versuche dafür Punkte in der Verhaltensnote abzuziehen haben bisher auch noch keine Veränderung des allgemeinen Pünktlichkeitsverständnisses bewirken können. Falls sich schließlich sogar noch der jeweilige Fachlehrer durchringen sollte zu erscheinen, folgen einige sich dahin ziehende Stunden langweiligen Frontalunterrichts. Daraus folgernd gibt es auch keine mündlichen Noten und den wenigen Examen wird in der Gesamtbeurteilung eine hohe Bedeutung zuteil. Angeschrieben wird hier sowieso nie etwas: Jeder Schüler ist selbst dafür zuständig, wie viele Notizen er sich macht, um nachher für die Arbeiten lernen zu können. Zeit für einzelne Personen gibt es bei einer Klassenstärke von 42 Schülern so oder so nicht.
Einem Besucher würde wahrscheinlich zunächst das Schulgebäude an sich auffallen. Ich assoziiere immer wieder Mäusekäfige, wenn ich mit meinen Klassenkameraden durch einen der drei parallelen Teerwege gehe und auf beiden Seiten in regelmäßigen Abständen vergitterte Türen erscheinen. Die große Verwendung von Wellblech macht das Unterrichten bei starken Regenfällen nahezu unmöglich. Zur Fortbewegung wird auch innerhalb des Schulgeländes immer ein Regenschirm benötigt. Auffällig ist auch, dass in wirklichen jedem Klassenraum ein Spiegel zu finden ist. Ticos sind sehr auf ihr Äußeres bedacht – auch wenn sie auf sonstige Sauberkeit keinen Wert zu legen scheinen. Die Anlagen sind verdreckt und vermüllt, auf den Schultoiletten gibt es kein Klopapier (da beschwere sich noch einmal jemand, der Papierspender am Waschbecken sei schon wieder leer).

Wie beurteilst du den Anspruch des Unterrichtes?
Das Niveau entspricht in vielen Fächern ungefähr der siebten Klasse in Deutschland und vor allem in Englisch amüsiere ich mich häufig über die Elementarfehler meiner Lehrerin Dementsprechend haben eher meine Klassenkameraden in schulischer Hinsicht von meiner Anwesenheit profitiert, während ich mich mit zunehmenden Spanischkenntnissen langweilte. Dafür habe ich im Bezug auf kulturelle Aspekte viel von meinen „amigos“ lernen dürfen und kann jetzt zum Beispiel beurteilen, wie sich das Tragen einer Schuluniform anfühlt oder die Beliebtheit der Musikrichtung „Reggaeton“ einzuschätzen ist. Doch als im Februar das neue Schuljahr begann, wechselte ich dennoch auf eine Institution der Universität und habe es irgendwie geschafft den Kontakt zu meinem alten Colegio auch weiterhin aufrecht zu erhalten. Dass der Unterricht qualitativ nicht zu vergleichen sein würde, war mir bereits im Vorfeld bewusst, aber die herzliche Aufnahme meiner Mitschüler war nur eine Hoffnung… die sich für mich auf wunderbare Art und Weise erfüllt hat.

Würdest du anderen Schülern auch ein Schuljahr in Costa Rica empfehlen?
Auf gar keinen Fall! Der doch erhebliche Aufwand lohnt sich überhaupt nicht … (lacht).
Nein, tatsächlich dürfte meine allgemeine Begeisterung für dieses Land inzwischen offensichtlich geworden sein. Dennoch bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass das Gastland nur den Rahmen eines gelungen Austauschjahres darstellt. Der Erfolg ist abhängig von der eigenen Persönlichkeit und den Menschen, denen man begegnet. Deshalb wünsche ich denen, die ein derartiges Vorhaben wagen wollen, eine herzliche Aufnahme, egal welche Umgebung sie von da an ihre „zweite Heimat“ nennen dürfen.
28.5.07 20:32
 


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