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Artikel im Jahresbericht meiner Schule

„Angekommen“ – Dieser Gedanke bewegte mich, als ich am 16. Juli des letzten Jahres vor dem Flughafen in San José zum ersten Mal meiner Gastfamilie Vindas Hidalgo gegenüberstand. Und tatsächlich ließ ich mich schnell von dem Land gefangen nehmen: Es ist unbeschreiblich durch das tiefgrüne Wasser eines Flusses zu gleiten. Das Sonnenlicht bricht durchs Blätterdach und man ist umgeben von der feucht-heißen Luft und den Geräuschen des Urwaldes, während mit ein wenig Glück Krokodile, Affen, Ibisse und Papageien beobachtet werden können.

Mit der Zeit wurde der Blick hinunter auf die Stadt Heredia, deren streng kolonialen Grundriss und die in allen Farben gestrichenen Häuser immer vertrauter, obwohl die aufgrund der hohen Kriminalität vergitterten Fenster zunächst fremd erschienen. Umgeben von Kaffee-Anbau und Bananenplantagen lernte ich zudem bald Reis und Bohnen als Hauptnahrungsmittel kennen. Oft bilden diese in gebratener Form sogar das Frühstück „Gallo Pinto“, welches durch Mantequilla und Tortillas (Maismehlfladen) ergänzt werden kann. Aufgrund der Lage zwischen den beiden Ozeanen sind natürlich auch Fisch und Meeresfrüchte zu erwähnen. Dennoch ist der Kühlschrank häufig leer. Einer der Gründe dafür ist, dass vorausschauendes Einkaufen nicht unbedingt zu den Stärken vieler Ticos gehört. Auch sonst sind langfristige Planungen kaum vorzufinden, die Sozialversicherung beispielsweise bilden nicht selten die Verwandten.

Stattdessen ist die allgemeine Lebensweise geprägt von Spontaneität und Offenheit. Der ausgeprägte Nationalstolz und die aufrichtige Freude über Interesse an ihrer Kultur vereinfachen die ersten Begegnungen mit den Menschen im Land zusätzlich. Obwohl ich mich anfangs manchmal „sprachlos“ fühlte, reichten ein Lächeln und die dort so typischen Umarmungen häufig aus, um das mitzuteilen, was anders vielleicht gar nicht ausgedrückt hätte werden können.

Daneben wird der Musik, dem Tanz eine große Bedeutung zugeschrieben. „Lerne dich zu bewegen“, forderte mich Maria José, eine gleichaltrige Klassenkameradin, gleich zu Beginn auf. Vor allem Salsa, Cumbia und Merengue sind neben dem sich von der Karibikküste verbreitendem Reggae beliebt. In den Abendstunden herrscht im „Parque Central“, einer Grünfläche mit diagonalen Teerwegen und pflegeleichten, beschmierten Betonbänken, reges Leben. Dann findet man sich z.B. von der Schule kommend ein, um der Musik zu lauschen und den traditionellen Tänzen zu folgen.

Angefangen hat der Tag meist ganz anders: Meine Gastmutter Marlene bekreuzigte mich stets, bevor ich das Haus verlassen durfte. Der katholische Glaube ist fest im Alltag verankert. Morgendliche Rosenkranzgebete und Lobpreisungen der „Virgen María“ finden nach der Nationalhymne selbst im Schulleben ihren Platz. Sie sollen Kraft für den Alltag geben, der für viele meiner Mitschüler eine große Herausforderung darstellte. Costa Rica ist zwar für lateinamerikanische Verhältnisse relativ wohlhabend und dennoch sind viele Missstände vorzufinden. Ich begegnete einem Jungen, der sich lieber verdächtigen ließ zu schwänzen, statt zu offenbaren, dass er sich eine Schuluniform mit seinem Bruder teilen müsse. Die unterbezahlten Lehrerinnen und Lehrer haben nur selten Zeit und wenig Motivation sich dem Einzelnen (einer teilweise mehr als 40 Schüler umfassenden Klasse) zu widmen. Ihr Arbeitstag beginnt um sieben Uhr und kann sich aufgrund der zweischichtigen Unterrichtserteilung bis in den späten Abend hineinziehen - denn ansonsten wäre nicht genug Raum für die hohe Klassenanzahl vorhanden. Hinzu kommt, dass sie selbst gerade im fremdsprachlichen Bereich nicht das erforderliche Niveau haben, um ausreichend zu fordern und zu fördern. Stattdessen ist Frontalunterricht üblich. Jeder ist selbst dafür verantwortlich sich ausreichend Notizen zu machen, um für die anstehende Examenswoche lernen zu können. Die Benotung erfolgt in Prozenten und ausschließlich auf schriftlicher Grundlage. Dabei wird den Hauptfächern Spanisch, Englisch, Mathe und Erdkunde ein besonderes Gewicht zugeteilt. Doch auch Naturwissenschaften und sogar Psychologie, Maschinenschreiben und Ackerbau sind für das nach elf Jahren erreichte Bachillerato von Bedeutung. Die Inhalte waren mir bereits aus den vorherigen Schuljahren der Ursulaschule bekannt. Dementsprechend profitierten in schulischer Hinsicht eher meine Klassenkameraden von meiner Anwesenheit (zumal ich begann Deutschstunden zu geben) – während ich andersherum erst durch sie die lateinamerikanische Mentalität, der eine gewisse Leichtigkeit des Seins nachgesagt wird, wirklich kennen lernte.

Einem europäischen Besucher fällt vermutlich zunächst das Schulgelände an sich auf. Das Colegio „Samuel Sáenz Flores“ besteht aus drei parallelen Wegen, welche auf beiden Seiten von einstöckigen Gebäuden umgeben sind. Die große Verwendung von Wellblechdächern macht das Unterrichten bei starken Regenfällen in der Zeit von Mai bis November nahezu unmöglich. Nicht übersehbar sind außerdem die Spiegel in fast jedem Klassenraum. Costaricaner sind sehr auf ihr Äußeres bedacht, darauf in der Gesellschaft ein perfektes Bild abzugeben. Eine Bitte wird selten rundweg abgeschlagen, es wird stets ein Funken Hoffnung vermittelt. Auch tendieren sie eher zu höflichen Notlügen, anstatt Konflikte offen auszutragen und sich mit der Wahrheit oder Unwissen auseinandersetzen zu müssen. Meine 23-jährige Gastschwester Laura z.B. stimmte den (aus ihrer Sicht unbegründeten) Forderungen ihres Vaters der Erziehung entsprechend stets ohne Widerworte mit „Si, señor“ zu…

„Costa Rica“, das bedeutet für mich inzwischen zwar zum einem häufig ausfallende Wasserversorgung, ausgeprägter Drogenhandel und Prostitution, vor allem aber unglaubliche Schönheit und Naturvielfalt. Die zwischenmenschlichen Kontakte und die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, werden mich rückblickend gewiss mein ganzes Leben lang prägen – danke dafür.
19.7.07 16:02





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