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Das Leben geht weiter...

Hola a todos,

ich blättere momentan in meinem Timer und reflektiere die vorhergegangen zwei Monate. Beim Zuschlagen bin ich nicht in der Lage zu beurteilen, ob dieser Zeitraum als lang oder kurz zu betrachten sein sollte. Auf der einen Seite sind die Tage aufgrund vieler Erlebnisse schnell vorüber gezogen, andererseits entsteht im Nachhinein gerade durch diese Vielzahl ein ganz anderer Eindruck. Wann habe ich eigentlich meinen letzten Rundbrief verfasst? Meine Schreibabstinenz ist nicht (wie einige bereits vermuteten) auf mangelnde Neuigkeiten zurückzuführen – wie soll das in diesem Land, wo doch eigentlich alles neu und anders ist, auch möglich sein?!? Viel mehr vermag ich gar nicht mehr auszusortieren, welche Dinge diese Gruppe berühren. Mein Lebensstil hat sich gänzlich dem des Landes angepasst, nur kleine, besonders wertvolle Eigenarten habe ich beibehalten. Eigentlich gerade, um nicht gänzlich in der Masse zu verschwinden… und doch ziemlich erfolglos. Ich habe zum Beispiel bereits mitgeteilt, dass es hier typisch ist, die Schulrucksäcke möglichst eng zu schnallen und sich aufgrund dessen gegenseitig beim Aufsetzen unterstützen zu müssen. Dennoch habe ich mich aus denkbaren Gründen strikt gegen diese Tragweise geweigert und stelle stattdessen fest, dass immer mehr Mitschüler sie übernehmen. Zunächst Klasse, dann Jahrgangsstufe und jetzt eigentlich die gesamte Schule. Genauso verhält es sich mit der an der Unterseite des Handgelenkes getragenen Uhr und bestimmten Wortgebrauch. Begrüßt wird sich untereinander nur noch auf Deutsch und Briefmarke heißt plötzlich „silla“ (mein gelerntes spanisches Spanisch). Das überall bekannte „llena“ für voll (wird übrigens so ausgesprochen wie mein Name, was zu lustigen Situationen geführt hat) wurde gegen mein „vornehmes satisfecha“ (satt) eingetauscht. Ich sollte mir irgendetwas ganz Verrücktes ausdenken, nur um zu sehen, ob dieses auch nachgeahmt wird

Inzwischen habe ich tatsächlich ein Wochenende am Strand verbracht – und nein, ich bin dem Wettergebnis nicht wirklich näher gekommen. Wie ich bereits einigen mitgeteilt habe, ist das Meer hier noch schöner, als auf den Postkartenmotiven. Blaues, klares Wasser, das es einem ermöglicht die kleinen, zwischen den Füßen schwimmenden Fische zu sehen, gehört genauso dazu, wie weißer Sand. Palmen, Sonne und Menschenleere perfektionisieren das Bild nur. Andererseits bin ich froh hier in der Mittelhochebene zu leben, denn mir wäre es an der Küste auf Dauer zu warm. Ticos haben sowieso ein sehr eigenartiges Temperaturempfinden – 20°C und Winterjacke (was bleibt denn dann für unseren Winter übrig?!?).

Als ich meine Postkarte aus Italien mit zur Schule genommen habe, war diese zunächst eine große Attraktion. Zum einem aufgrund des dicht belegtem Strandes, aber auch weil ich tatsächlich Post bekommen hatte. Ticos scheinen nie Briefe zu empfangen und wenn bei uns einmal der Postbote vorbeikommt, weiß gleich die ganze Straße, dass diese nur für die „alemana“ sein können.

Dennoch trübt dieses Bild noch immer das Eindringen in mein persönliches Eigentum. Ich bin nach Costa Rica gegangen mit dem Wissen, dass es sich zwar um ein für lateinamerikanische Verhältnisse sicheres Land handelt, ich aber stets auf meine Dinge und ganz besonders auf mich selbst Acht geben müsste. Ich bin eigentlich immer vorsichtig und achtsam… aber wahrscheinlich gehört es einfach dazu einen Diebstahl erleben zu müssen. Denn andererseits war es auch ganz lustig im Nachhinein in einer Polizeistation ohne Fenster, direkt am Wasser, mit dem Polizisten über seinen handgeschriebenen Bericht zu diskutieren (eine Stunde für ein paar Zeilen). Des Weiteren hat die allseits bekannte Federmappen-Uhr jetzt endlich Armbänder, was doch durchaus auch ganz positiv zu betrachten sein sollte. Nur meine alte Brille fehlt mir noch immer, zumal sie sie doch wohl höchstens zum Karneval verwenden können? Aber keine Sorge, mir geht es nach wie vor gut *lach*

Am Wochenende durfte ich an einer costaricanischen Hochzeit teilnehmen, wobei Kleider hier leider absolute Pflicht sind (ja, nach stundenlangem Suchen habe ich tatsächlich eines gefunden, das mir halbwegs zusagt). Der Morgen begann zunächst mit einem 4-1/2-stündigen Friseurbesuch für einen einfachen Haarschnitt. Die Menschen machen hier einfach alles, alles unglaublich langsam. Essen, gehen, schreiben, Haare schneiden… man könnte es natürlich auch andersherum betrachten und behaupten wir seien gehetzt. Anschließend folgte der Trauungsgottesdienst, der von einer Band musikalisch untermalt wurde. Predigt und Zukunftswünsche werden von der männlichen Verwandtschaft verlesen und anschließend bekommt das Paar einen riesigen Rosenkranz als symbolische Verbindung umgelegt. Trotz der Tatsache, dass nur mit der nächsten Verwandtschaft und den engsten Freunden gefeiert wird, war die Gästezahl beachtlich (Familie sind hier groß und kinderreich). Der Ablauf der Feierlichkeit an sich ähnelte dem deutschen ziemlich. Tanz, Essen und Unterhaltung. Natürlich war der Musikstil angepasst, es wurde hauptsächlich Reggaeton gespielt und der „Karneval“ des Luftballonszertretens (die zuvor in einem Netz an der Decke befestigt waren) war mir ebenfalls fremd. Aber die gute Laune der mich umgebenden Menschen war überwältigend und die Musikgeschmackdiskussionen und –Ratespiele haben mir wirklich Freude bereitet.

Die Examen sind inzwischen allesamt wieder zurückgegeben worden, wobei man auch eingestehen muss, dass die hier äußerst korrekturfreundlich aufgebaut sind. In Mathe z.B. gab es jeweils vier unterschiedliche Lösungen, von denen man eine ankreuzen musste (die Rechnungen auf dem Zusatzblatt fanden keine Beachtung, also habe ich sie einfach Mal weggelassen…). Noch schockierender fand ich das allerdings in der Spanisch-Klausur – so viel zum Verfassen eigener Texte. Letztendlich habe ich unter anderem in Musik teilgenommen und musste die Oberstimme von „Zwei leichte Flötenmärsche“ vorspielen. Hat wahrscheinlich gerade aufgrund des deutschen Titels so gut geklappt (obwohl die anderen meine Freude wohl nicht ganz nachvollziehen konnten). Die Kunstarbeit war zweiteilig und bestand aus einem Stillleben, welches ausschließlich Punkte enthalten durften und einem Aufsatz über den so genannten „Puntillismo“. Abgesehen von der Tatsache, dass mir eigentlich Prozente für meine Grammatik hätten abgezogen werden müssen, habe ich bedeutend mehr Zeugnis-Prozente erhalten, als eigentlich vorgesehen sind. Das liegt allerdings weniger an meinen Fähigkeiten, als am mangelnden Talent meiner Mitschüler. Ansonsten gibt es hier auch eine Verhaltensnote, die ursprünglich ebenfalls 100 Prozent beträgt, von der aber je nach Regelverstoß einiges abgezogen werden kann. Ich habe ein ziemlich dickes Heft verhalten, das alles sorgsam auflistet. Die Socken müssen dunkelblau sein, man darf höchstens eine Minute und zwanzig Sekunden zu spät kommen (woher stammt denn diese eigenartige Zahl?) und küssen auf dem Schulgelände ist sowieso das schlimmste Vergehen. Die Durchführung wird allerdings selten streng gehandhabt, zumal Unterricht sowieso dauernd nicht stattfindet. Die Lehrer kommen, wann es ihnen gerade gefällt und Vertretung gibt es hier sowieso nicht. Es gibt hier (wie teilweise schon beschrieben) zwei Unterrichtsmethoden. Nummer eins: Der Lehrer diktiert und die Schüler schreiben mit; Nummer zwei: der Lehrer hinterlegt im Kopierraum Papiere, die man sich im Vorfeld auf eigene Kosten besorgen muss und liest sie im Prinzip nur vor. Im letzten Fall ist es eigentlich nicht notwendig zum Unterricht zu erscheinen, was gerade in der Examenszeit von vielen Schülern ausgenutzt wird. Ferien werde ich erst am 15. Dezember bekommen und meine letzten schulfreien Tage waren die deutschen Pfingstferien…

Das Spanisch hier unterscheidet sich (wie bereits oben erwähnt) doch sehr von dem, was ich in der Schule gelernt habe. Zum einen einzelne Wörter, zum anderen schwerwiegendere Dinge. Zunächst siezt man hier eigentlich jeden, was vor allem mir anfangs besonders schwer viel (meinen Gastbruder siezen?!?). Andererseits gibt es mir eine ganz andere Wahrnehmung von Höflichkeit, wenn ich meiner Gastmutter mit ,,Si, señora“ zu antworten habe. Meine Uhrzeitangaben mit „… menos veinte“ versteht hier ebenfalls niemand. Außerdem wird nahezu alles durch ein angehängtes ,,-tico“ oder eben ,,-tica“ verniedlicht, woher die Einwohner dieses Landes auch ihren Namen haben.

Ich habe zwar nicht einmal ansatzweise mitgeteilt, was ich eigentlich hätte schreiben wollen, aber jetzt muss es erst einmal genügen. Stattdessen werden Unterhaltungen in Zukunft wohl von vielen, kleinen Anekdoten geprägt sein… bereits im Vorfeld eine Entschuldigung dafür.

Jenna
18.9.06 15:45





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