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Pura Vida

Pura vida,

das ist bedeutend mehr, als eine einfache Grußformel. „Reines Leben“ symbolisiert die costaricanische Lebenseinstellung und verleiht vielen Situationen einen interessanten Charakter. Universell einsetzbar, immer im positiven Zusammenhang und doch stets ohne einen Schimmer von Floskelhaftigkeit. Die Menschen hier meinen und vor allem leben das, was sie sagen. Inzwischen habe ich viele interessante Persönlichkeiten kennen lernen dürfen und stets die ehrliche Freude, die die Worte ausdrücken, wahrnehmen können. Auch Wohlbefinden und scherzhafte Freudeausrufe sind einfach nur „Pura vida“.

Inzwischen habe ich mich halbwegs in den Schulalltag integrieren können und nehme dennoch jeden Tag gravierende Unterschiede wahr. Einem Besucher fällt wahrscheinlich zunächst das Schulgebäude an sich auf. Ich assoziiere immer wieder Mäusekäfige, wenn ich mit meinen Klassenkameraden durch einen der drei parallelen Teerwege gehe und auf beiden Seiten in regelmäßigen Abständen vergitterte Türen erscheinen. Die auffällig große Verwendung von Wellblech macht das Unterrichten bei starken Regenfällen nahezu unmöglich. Zur Fortbewegung wird auch innerhalb des Schulgeländes immer ein Regenschirm benötigt.

Irgendwann habe ich amüsiert, dass in wirklichen jedem Klassenraum ein Spiegel zu finden ist. Ticos sind sehr auf ihr Äußeres bedacht – auch wenn sie auf sonstige Sauberkeit keinen Wert zu legen scheinen. Die Gebäude sind verdreckt und vermüllt, auf den Schultoiletten gibt es kein Klopapier (da beschwere sich noch einmal jemand, der Papierspender am Waschbecken sei schon wieder leer).

Trotz allem kann man der Schule ihren gewissen Stil nicht nehmen. Dass der Unterricht qualitativ nicht zu vergleichen sein würde, war mir bereits im Vorfeld bewusst, aber die herzliche Aufnahme meiner Mitschüler war nur eine Hoffnung… die sich für mich auf unglaubliche Art und Weise erfüllt hat.

Nächste Woche beginnt die Examenzeit. Das bedeutet jeden Tag eine zweistündige Arbeit in einem anderen Fach zum vom Ministerium festgelegten Zeitraum. Ob drei Tests in einer Woche also tatsächlich Stress sind, ist durchaus Definitionssache…

Außer Mathe und Englisch wurden mir zumindest für die Anfangszeit sämtliche Arbeiten erlassen. Dennoch bedeutet das keine Aufgabenbefreiung – als wenn ich mit den immer eingesammelten und benoteten Hausaufgaben nicht bereits genug zu tun hätte, darf ich jetzt die verschiedensten Referate halten. Die kreativste Variante hat den Titel „Ferien in Deutschland“ und ich habe bisher im Prinzip gar keine Vorstellung, wie die aussehen könnte.

Meine Mitschüler haben unglaubliche Freude daran deutsche Schimpfwörter zu lernen. Manchmal habe ich das Gefühl die Bedeutung einiger Wörter ist der gesamten Schule bekannt. Aufgrund von Aussprache- und Übermittlungsproblemen kommen dabei allerdings hin und wieder lustige Situationen zustande^^

Es gibt sogar ein Mädchen, das drei Monate in Deutschland verbracht hat, um ein Rammstein-Konzert zu besuchen. Sie hat in der Zeit zwar kaum etwas gelernt, aber begrüßt mich dennoch immer auf Deutsch und bittet um die Übersetzung von Songtexten. Ich kann mir nicht erklären, wie gerade Rammstein es hier zu einer solchen Bekanntheit geschafft hätte haben können.

Ich habe inzwischen selbst erleben dürfen, dass Costa Rica seinem Ruf mit den meisten Feiertagen weltweit tatsächlich gerecht wird. Mein zweiter offizieller Schultag stürzte mich zunächst in große Verwirrung. Niemand hatte mich vorgewarnt, dass der Anschluss der Provinz Guancaste die Aufführung traditioneller Tänze bedeuten würde. Meine Mitschüler waren zunächst über meine Nichtkenntnis der einzelnen Elemente schockiert, hatten aber anschließend ziemliche Freude daran mir deren Bedeutung zu erörtern.

Doch beeindruckt hat mich vor allem der „Día de la Virgen de los Angeles“, welcher am 2. August zelebriert wird. Die Jungfrau von Cartago ist die Nationalheilige des kleinen Landes und bewegt jedes Jahr mindestens zwei Millionen Menschen zu einer Wanderung zur „Basilica de Nuestra Señora de Los Angeles“ in der bereits erwähnten Stadt Cartago. Der Pilgerweg beginnt in der Hauptstadt San José und führt 30km durch gebirgige Landschaft. Viele entscheiden sich allerdings ihre Reise von Zuhause aus anzutreten, was je nach Wohnort mehre Tage beanspruchen kann. Meine Familie hat die Berichte über die auf der Straße schlafenden Menschenmassen aufmerksam im Fernsehen beobachtet, aber selbst trotz tiefer Verwurzlung im katholischen Glauben darauf verzichtet.

Ich habe das Wochenende stattdessen auf dem Land bei Freunden und Verwandten von meiner Gastfamilie verbracht. Die Landschaft ist geprägt vom Anbau verschiedener Früchte. Zu meiner Überraschung wachsen Ananas (die hier übrigens Piña genannt werden) nicht etwa auf Bäumen, sondern sind im bodennahen Bereich zu suchen. Dass die Gewinnung von Zucker auch aus Zuckerrüben möglich ist, beeindruckte hingegen die Einheimischen. Ich finde die Rohr-Alternative allerdings bedeutend interessanter, zumal ich anfangs gar nicht wusste, was ich mit dem „Baumstamm“ in meiner Hand anfangen sollte und glaubte die Aufforderung zum Essen falsch verstanden zu haben.

Auch hier traf ich wieder auf unerwartete Erlebnisse, die ich wohl nie vergessen werde. Die Menschen, denen ich dort begegnet bin, ernähren sich hauptsächlich von Reisbrei, nur ein paar Früchte reichern hin und wieder ihren Speiseplan an. Für unsere Ankunft haben sie eines ihrer Hühner geschlachtet, ein besonderer Reichtum. Vielleicht mag man sich vorstellen, dass ich das mir zugeteilte Stück nicht mit Appetit verzehrt habe. Dennoch fühlte ich mich dazu verpflichtet und wollte nicht undankbar erscheinen. Trotz meiner zunächst gemischten Gefühle wurde ich allerdings schnell in die Unterhaltungen integriert und vom fröhlichen Lachen angesteckt.

Aber eigentlich sind es die Kleinigkeiten, die mir immer wieder besonders auffallen:

Geduscht wird prinzipiell kalt und jeden Tag mindestens einmal. Dennoch gehen Ticos sehr sparsam mit Wasser und Strom um – und das, obwohl der Grundbedarf mit der Begründung von Naturgütern hier sogar kostenlos vergeben wird.

Beim Einsteigen in ein Verkehrsmittel ist eine Bekreuzung üblich. Und auch ein Abschied verläuft häufig nach diesem Ritual und dem Wunsch nach der Begleitung durch Gott. Hier schimmert wieder die katholische Prägung durch. Unser Haus enthält ebenfalls viele christliche Symbole, an der Haustür hängt zum Beispiel eine handschriftliche Notiz „Gebe mir Zuflucht, wie ich an dich glaube.“ Auch ist es etwas ganz anderes, Menschen zu kennen, die tatsächlich eine halbe Stunde mit dem Rosenkranz beten, als einfach nur von dessen Existenz gehört zu haben. Neben Familienbildern gehören Ikonen zum Pflicht-Portmonee-Inhalt und auch ich habe bereits ein Abbild geschenkt bekommen. Selbst das Vaterunser beherrsche ich inzwischen in der noch immer fremden Sprache.

Ich habe bereits erwähnt, dass es hier keine Adressen gibt und möchte dem noch etwas hinzufügen: Es gibt nicht einmal Klingeln. Man macht stattdessen durch das Rufen eines Namens oder eines lang gezogenen „Uup“ auf sich aufmerksam.

Weitere Randnotizen: Rucksäcke werden nicht unten, sondern so weit oben, wie eben möglich getragen. Das geht soweit, dass einige eine „Einstieghilfe“ benötigen oder den Rucksack ausschließlich auf einer Schulter tragen.

Der 18. Geburtstag ist keine große Angelegenheit, während dem 15. eines Mädchens große Bedeutung zugemessen wird. Einer der wenigen Anlässe, zu denen es hier tatsächlich Kuchen gibt (natürlich auch wieder viel zu süß).

Ich möchte außerdem einige Situationen zitieren:

„Und du bist doch Amy…“ (meine Englischlehrerin aufgrund meiner für costaricanische Verhältnisse sehr guten Sprachkenntnisse)

„Darf ich einmal deine Haut anfassen? … Da sieht man ja die Mückenstiche!“ (kleines Mädchen in Guapilles)

„Morgen werden wir einmal richtig ausschlafen.“ (Wir sind anschließend um 7:30 Uhr aufgestanden)

„Wie viel kostet…?“ (meine Klassenkameraden haben, nachdem sie sämtliche Produkte hinterfragt hatten, beschlossen, dass ein Schokoladenimport am lukrativsten wäre)

„Wie ist deine Einstellung zu Hitler?“ (oder sämtliche Abwandlungen dieser Frage – und dann soll man bitte einmal anfangen auf einer fremden Sprache zu erklären, dass Hitler nicht mehr lebt)

„Trinkt ihr eigentlich die grüne Milch?“ – „Häh?“ – „Eure Kühe geben doch grüne Milch.“ (Es hat einige Zeit gedauert bis ich realisiert habe, dass mein Gegenüber anscheinend irgendwann etwas von der BSE-Krise gehört zu haben scheint)

„Wann spricht du mit deinen Eltern Deutsch und wann Französisch?“ – *verwirrter Blick* - „Ihr sprecht doch auch Französisch.“ (mehr oder weniger)

„Es gibt hier eine Bar, die hat um zwölf Uhr noch offen, unglaublich, oder?“ –allgemeine Zustimmung-

„In Deutschland studieren nicht alle?“ „Ihr habt viel zu viel Geschichte.“ „Es gibt bei euch wirklich keine Regenzeit?“ „Warst du im Stadion, um die WM zu verfolgen? Costa Rica hätte unter folgenden Umständen gewonnen… (halbstündiges Referat)“

Meine einzige wirkliche Informationsquelle hier ist leider das Internet. Fernsehnachrichten geben mir zwar einen kurzen Überblick, aber sind nur zu einem sehr kleinen Anteil international. Zeitungen scheint es hier nur auf Bildzeitung-Niveau zu geben. Die Sportseiten nehmen prozentual den größten Anteil ein.

Fernsehen ist hier sowieso eine Besonderheit. Sämtliche Filme sind auf Englisch mit spanischen Untertiteln (ich habe sogar schon „Fluch der Karibik 2“ mit meinen Klassenkameraden im Kino gesehen). Die Ticos bevorzugen allerdings wirklich kitschige Telenovelas, die sie sich emotionsgeprägt ansehen. Meine Familie sitzt momentan wieder lachend und weinend vor dem Fernsehgerät und wundert sich, weshalb es für mich nicht wichtig wäre, eine Sendung zu verpassen. Eigentlich könnte ich mich jetzt zu ihnen setzen, versalzenes Popcorn essen und bestätigen, dass es in Deutschland tatsächlich eine gesüßte Variante gibt. Warum eigentlich nicht?

Ein flüchtiges „Hasta luego“

Jenna
15.8.06 21:52





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