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Buenos días y hasta luego

Buenos días y hasta luego,

es fällt mir schwer Abschied und Vorfreude auf die Begrüßung an einem ganz anderen Platz miteinander zu vereinen, aber ich möchte versuchen diesem Anspruch mit dem ersten Rundbrief gerecht zu werden.

Doch zunächst möchte ich mich wirklich ganz, ganz herzlich bei euch allen bedanken. Die liebevollen Worte und Erinnerungen haben wirklich eine sehr große Bedeutung für mich – und jede ist für sich einzigartig und bewegend: Danke für Kinderlieder-Kassetten (unsere musikalischen Busfahrten werden auf jeden Fall in einem Jahr Fortsetzung finden, versprochen), danke für die wunderschöne Abschiedsparty mit dem anschließendem „Time To Say Goodbye“, danke für „Mutmach-Sammlungen“, danke für Glücksbringer und Armbänder, danke für von das von der ganzen Klasse aufwendig gestaltete Buch, danke für den wirklich unersetzlichen Anhänger, danke für Briefe und Vorsätze von Vorher-Nacher-Fotos, danke für Janoschbücher mit versteckter Botschaft (ich muss wohl doch sehr kindliche Züge haben, als dass unabhängig voneinander solch kreative Ideen für mich umgesetzt werden), danke fürs Eisessen, danke für… mir fällt nahezu unendlich viel ein, aber am wichtigsten ist es, dass ihr einfach immer für mich da seit und es mir wirklich schwer fällt zu gehen.

Andererseits freue ich mich auf Costa Rica, auf mein ganz eigenes Abenteuer: Denn ich bin der festen Überzeugung, dass Abschied tatsächlich nur bedeutet, etwas zurückzulassen, dass man liebt und trotzdem weiterzugehen mit der Zuversicht, dass man es in anderem Raum, anderer Zeit wieder sieht. -> Was aber nichts daran ändert, dass ich euch sehr vermissen werde!

Noch ein kleiner Ausblick…
Mein Gastvater ist Lehrer, während meine Gastmutter sich ausschließlich dem Haushalt widmet. Ihre Tochter Laura (21) studiert (soweit ich dies richtig interpretiert habe) Computer gestütztes Rechnungswesen. Des Weiteren werde ich mit Sofía (8) und Jenaro (19) zusammenleben. Eine genaue Einschätzung kann ich jetzt natürlich noch nicht treffen, aber der erste Eindruck lässt mich auf eine sympathische Familie hoffen.

Ihr Zuhause liegt im Zentrum des Landes, nur wenige Kilometer von der Hauptstadt San José entfernt. Costa Rica gliedert sich in sieben Provinzen. Heredia (Achtung, im Spanischen wird das „H“ nicht gesprochen!) ist eine von ihnen. Straßennamen gibt es allerdings keine, weshalb Adressangaben teilweise sehr undurchsichtig sein können: Jeder wählt sich selbstständig einen markanten Punkt, von dem er glaubt, dass er vielen Menschen bekannt sein könnte. Teilweise kommen dabei recht witzige Angaben heraus. In diesem Zusammenhang möchte ich euch meine zukünftige Adresse mitteilen, die die meisten wahrscheinlich nicht haben dürften:

- Mein Name -
A familia Cordero Hidalgo
100 norte, 50 este
del Colegio Mario Vindas
San Pablo
Heredia
COSTA RICA
Tel.: 00506 – 2614023


Meine eMail-Adresse bleibt auf jeden Fall weiterhin bestehen (hanniklick@aol.com) und wer mag, kann hin und wieder auf http://www.jenna-in-costa-rica.de.vu vorbeisehen, um auch visuelle Eindrücke gewinnen zu können. Kleine Randbemerkung: Und natürlich auch als frühzeitige Kontrollmöglichkeit, wer letztendlich die Wette gewinnen wird. Ein Jahr Sonneneinstrahlung muss doch etwas bewirken?

Auch wenn ich mich jetzt verabschiede (und in wenigen Stunden im Flieger sitze), mein Herz tut es nicht

Jenna
15.7.06 16:58


Erste Eindrücke

Buenas noches,

ich bin jetzt gerade Mal vier Tage hier in Costa Rica und habe schon unglaublich viel erlebt. Gestern war ich für ein paar Minuten im Internet und habe wirklich erfreut festgestellt, dass so viele an mich gedacht haben. Es tut mir Leid, dass ich einen Großteil der E-Mails noch nicht beantworten konnte. Mir fehlt hier einfach die Zeit, ich hoffe das ist irgendwie verständlich. Dennoch werde ich das auf jeden Fall nachholen, auch wenn ich jetzt „nur“ einen Rundbrief schreibe, um die Fragen nach dem ersten Eindruck halbwegs zu beantworten: Denn im Prinzip erscheint es mir unmöglich, das, was ich hier erleben darf in Worte zu fassen. Es ist wirklich alles anders, alles. Mir ist noch nichts begegnet, von dem ich auch nur Annäherungsweise behaupten würde es ähnle dem, was ich aus Deutschland gewohnt bin.

Ich sitze momentan in meinem Zimmer und lausche den Geräuschen. Die Fremdheit beginnt bereits bei einem einfachen Fenster, das im oberen Bereich in viele kleinen Scheiben aufgeteilt ist, die sich durch einen Hebel hin- und herdrehen lassen. Bisher habe ich noch nicht herausfinden können, wie ein wirklicher Verschluss dessen möglich sein könnte. Vögel gibt es hier unglaublich viele. Der Gesang lässt auf bedeutend mehr schließen, als bei uns zur schönsten Frühlingszeit. Überhaupt machen Pflanzen und Tiere auf mich einen äußerst exotischen Eindruck…

Der Flug war insgesamt weniger anstrengend, als ich angenommen hätte. Carole und ich sind uns in Frankfurt vor dem Einchecken begegnet und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Wir hatten kaum Zeit uns richtig von unseren Familien zu verabschieden. Die erste Wegstrecke nach Madrid haben wir sehr gut gemeistert. Ich musste zwar mein Handgepäck zunächst teilweise ausräumen, aber der Beamte hat seine Kollegin dann ganz schnell darauf verwiesen, dass man bei mir doch sähe, dass ich keine Terroristin sein. Schließlich saß ich schon fast im Flieger, der in wenigen Minuten zu meinem ersten Flug aufbrechen würde. Ich hatte einen Platz am Fenster und somit die Möglichkeit alles ganz genau zu beobachten. Die Zeit verging unglaublich schnell und ich habe sogar Gefallen am Fliegen gefunden. Es ist wunderschön die Welt und auch die Wolken von oben zu betrachten. In Deutschland ist noch alles geordnet, die Felder mit dem Lineal gezogen, aber als wir dann über Spanien geflogen sind… sieht auf jeden Fall sehr interessant aus: So viele Formen, Farben und Möglichkeiten.

In Madrid haben wir die Gatebezeichnung leider zunächst nicht ganz verstanden, aber wir sind auf irgendeine Art und Weise angekommen, um anschließend auf die vier Münchner und zwei Berliner zu treffen, die allesamt total sympathisch wirkten.

Anschließend hat sich unsere zweite Etappe allerdings sehr in die Länge gezogen. Ich saß Mal wieder alleine (und die Stewardess hat uns gebeten doch bitte wieder aus unseren Sitz zurückzukehren, als wir Plätze gefunden hatten, die noch frei gewesen wären, um uns nebeneinander zu setzen). Neben mir saß stattdessen ein englischer Chemielehrer, dessen gesamte Lebensgeschichte ich jetzt wohl inzwischen wahrscheinlich kenne. Größtenteils habe ich geschlafen oder mich mit dem spanischen Fernsehprogramm begnügt. Ab Madrid waren wir nur noch auf unsere Spanischkenntnisse angewiesen: Denn die scheinen bedeutend besser zu sein, als das, was das Personal auf Englisch beherrschte. Doch nach endlosem Sitzen erreichten wir alle fertig, aber auch glücklich unser Ziel. Costa Rica ist vor allem eines: grün. Überall nur grün, zumindest von oben betrachtet. Ansonsten ist es hier wahnsinnig gebirgig und es hängen anscheinend häufig Nebelschwaden vor den Bergketten. Der Flughafen entspricht ungefähr dem Bohmter Flugplatz, ja, das dürfte dem recht nahe kommen. Es ist zumindest eine große Umstellung von Madrid aus nach San José zu fliegen und dort eine Stunde anzustehen, um endlich offiziell ins Land einreisen zu dürfen.

Abgeholt wurde ich von meinen Gasteltern und Sofía. Sie haben mich sofort erkannt und erst Mal allen ganz stolz präsentiert. Sofía ist wahnsinnig anhänglich und bringt mir jetzt schon viele Wörter bei: „Mira, Jenna, un arbol.“ Die Straßenverhältnisse in Costa Rica sind miserabel. Meinem Erachten nach sind das eher Feldwege und es scheint keine (zumindest nicht für mich erkennbaren) Regeln zu geben. Jeder fährt wann und wo es ihm gefällt. Nur in der Hauptstadt gibt es Polizisten, die auf der Kreuzung den Verkehr lenken und die Straße ist nicht ganz so lebensgefährlich von Löchern geprägt. Die Gastschwester der Caroline ist mit uns mitgefahren, weil in deren Auto kein Platz mehr gewesen ist. Die Familien sind befreundet und wohnen zwei Straßen voneinander entfernt: Allerdings wird sie eine andere Schule besuchen.

Ansonsten waren in der Zwischenzeit wahrscheinlich sämtliche Freunde und Familiengehörige hier. Immer brav Küsschen links, Küsschen rechts: „Ja, ich bin Jenna, ja, ich werde ein Jahr hier wohnen, ja, die Familie ist sehr nett…“

Aber das ist sie auf jeden Fall. Sie kümmern sich alle wahnsinnig lieb um mich und ich scheine wirklich großes Glück gehabt zu haben.

Jenaro hat eine riesige Freude daran mit meinem Wörterbuch durch die Gegend zu laufen und deutsche Wörter zu lernen (abgesehen von der Aussprache hat er gestern wohl schon mehr gelernt, als ich). Sofía hat mir bestimmt eine Stunde lang Fotos gezeigt und immer auf sehr einfachem Spanisch erklärt, was darauf zu sehen sei. Aber das scheint hier üblich zu sein. Ticos lassen andere gerne an ihrem Leben teilhaben, das bedeutend gruppenorientierter ist.

Anschließend hat Marlene meine erste Mahlzeit in Costa Rica zubereitet und mir viel, sehr viel erzählt. Im Allgemeinen ist eigentlich gar nicht schwer zu verstehen, ich bekomme zumindest den Sinn meistens mit. Kleine Randbemerkung zum Essen: Flugzeugnahrung ist noch schlimmer als sein Ruf. Ich fand das Zeug einfach nur widerlich. Aber das costaricanische Essen ist hingegen wahnsinnig lecker. Meine Gastmutter war ganz beglückt, dass ich so viel gegessen habe, aber ich hatte auch wahnsinnigen Hunger. Es gab ganz anders zu bereiteten Reis und einen Salat aus Früchten, die ich allesamt noch nie gesehen habe. Von dem einen dachte ich erst, es seien Tomaten, anschließend Melonen, um dann doch wieder zu meiner Tomatenversion zurückzukehren (auf jeden Fall fremd).

Die Fotos, die ich der Familie geschickt habe, hängen hier übrigens alle am Kühlschrank und die Familie hat sich Stunden mit meinem Album und dem Buch über Deutschland auseinandergesetzt und gefragt und gefragt und gefragt…

Mein Zimmer ist relativ klein, aber das sind alle hier. Wir haben ein kleines Häuschen, orange mit rotem Dach. Das ist allerdings noch sehr harmlos, denn meine erste Assoziation zu Heredia war „Villa-Kunterbunt-Dorf“. Die Einrichtung ist allerdings spartanisch, provisorisch? In meinem Zimmer steht ein altes, offenes Eisenregal, ein Nachtschrank mit einem Radio-, Kassetten-, und CD-Spieler, ein Plastikgartenstuhl, ein Bett (welch Zufall), ein Spiegel und noch ein kleines Regal mit einem Fernseher, der sogar deutsche Programme empfängt. Ich finde das durchaus in Ordnung und habe bereits eure Karten aufgehängt und Fotos aufgestellt, aber es in keiner Art und Weise mit dem deutschen Standard zu vergleichen.

Die Luftverhältnisse finde ich übrigens überhaupt nicht schlimm – auch wenn das überall behauptet wird. Als wir angekommen sind hat es so stark geregnet, als dass man in Deutschland von einem wahnsinnigen Unwetter sprechen würde, aber hier ist eben Regenzeit und es hat dann auch schnell wieder aufgehört. Die Luft gefällt mir auf jeden Fall sehr.

Am Montag war ich mit Marlene in der Stadt, um einige Artikel für den Schulbesuch zu erwerben. Wir sind mit dem Bus gefahren. Ein Abenteuer für sich, weil es kein (Mal wieder zumindest für mich erkennbares) Bushaltestellensystem zu geben scheint. Er hält einfach „irgendwo“. Zunächst waren wir bei der Bank und mein Geld in die Landeswährung Colon zu wechseln. Wenn man mit Dollar bezahlt gilt man als Tourist und die Ladeninhaber verlangen häufig höhere Preise, weil sich die Umrechnung schwer kontrollieren lässt. Auch für mich ist es schwer zu erkennen, was wie viel kostet. Außerdem sind die Preise absolut anders. Man sagt, dass 500 Colon ungefähr ein Dollar seien: der Preis günstiger T-Shirts. Wir standen ungefähr eine ¾ Stunde in der Schlange um endlich bedient zu werden. Angeblich sei das normal. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gigantisch: Taschen werden im Schließfach zurückgelassen und anschließend hat man eine Kontrolle, die der des Flughafens ähnelt, zu durchlaufen. Ich musst dem Wachpersonal, das dort ausreichend vertreten ist, sogar meinen Personalausweis zeigen.

Anschließend waren wir in einem Schuhgeschäft, um Schuhe für die Schule zu erwerben. Es gibt drei verschiedene Modelle und alle sind schwarz. Ich musste leider das auswählen, welches mir am wenigsten gefiel, weil alle anderen nur bis Größe 38 gehen: Und das ist definitiv zu klein. Irgendwie fühle ich mich hier sowieso riesig. Ich habe noch nicht einen Tico getroffen, der größer ist, als ich. Der Durchschnitt ist ganz zwei Köpfe kleiner und selbst die anderen Deutschen erreichen nicht meine Größe. Die Schuhverkäuferin wäre beinahe an ihrer schweren Aufgabe verzweifelt…

Dann haben wir Socken erworben, noch solch ein Drama. Die waren alle viel zu eng. Es sind lange, blaue Kniestrümpfe, die ich zu den Schuhen und der Uniform tragen muss. Des Weiteren scheint der Bedarf an Schulartikel ausschließlich aus einem blockähnlichen Heft zu bestehen. Soweit ich es verstanden habe brauche ich eines für alle Fächer im naturwissenschaftlichen und eines für alles im sprachlich-, gesellschaftlichen Bereich. Sofía hat mir ihre Sachen schon ausführlich gezeigt und war regelrecht enttäuscht, als ich ihr meinen Erwerb gezeigt habe. Ticos sind äußerst „kitsch-verliebt“. Es grenzt wirklich an peinlich, bzw. ist teilweise peinlich, was die so „bonito“ finden. Ich habe dennoch ein schlichtes Exemplar erworben, obwohl die Schüler sich hier sehr über solche Dinge zu identifizieren scheinen. Vielleicht ein Nebenaspekt der Schuluniform? Heute fahren wir übrigens zur Schule, zum einem um die Uniform zu kaufen (hoffentlich in meiner Größe) und zum anderen hat die Direktorin zugesagt mir alles zu zeigen. Ich habe Laura gefragt, weshalb ich nicht zum Colegio Mario Vindas, das nicht weit von hier entfernt ist, gehen würde. Sie meinte, dass sie dort zwar angefragt hätten, aber das Kollegium strikt dagegen gewesen sei.

Das Wetter ist sehr eigenartig. Die Sonne ist plötzlich da, obwohl es zuvor ganz dunkel gewesen ist und anschließend wird es ziemlich heiß – obwohl meine Familie behauptet, dass sei für ihre Verhältnisse ein kalter Tag gewesen. Nachmittags fängt es meistens so gegen drei Uhr plötzlich an zu regnen, obwohl es keine Vorzeichen dafür gab. Das ist dann einziger Vorhang und das Wasser steht wirklich Zentimeter hoch. Ich habe in Deutschland noch nie einen solch starken Regen erlebt – und hier sei das natürlich angeblich wieder absolut normal und im Vergleich relativ wenig. Im Prinzip nimmt hat hier jeder immer und überall einen Regenschirm bei sich.

Das Vorurteil des typischen „Macho-Verhaltens“ kann ich übrigens nur bestätigen – aber sobald ein romantisches Lied im Radio gespielt wird, fängt der gesamte Umkreis an mitzusingen. Sehr eigenartig zu beobachten, wenn plötzlich der gesamte Straßenverkehr stillsteht und alle „Quiero te“ gröhlen (denn anders lässt sich das nicht definieren).

Das Wochenende werde ich in Alajuela verbringen. Unsere Betreuerin hat uns zu einer Vulkan-Expedition eingeladen – ich bin jetzt schon ganz gespannt. Und am Montag ist mein erster Schultag: Gestern war ich bereits dort, um offiziell angenommen zu werden und die Schuluniform abzuholen.

Bitte denkt nicht, dass ich bewusst positiv schreiben würde und es mir schlecht ginge. Es ist hier wirklich wunderschön und mir ist noch nichts begegnet, was ich wirklich unaushaltbar schlecht finde. Die anderen Austauschschüler scheinen das zwar nicht ganz so zu sehen, aber das kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich denke ich an euch, an Zuhause, aber so wirklich Heimweh habe ich nicht. Im Prinzip habe ich auch keine Zeit nachzudenken. Es passiert immer irgendetwas… und entgegen aller Erwartungen macht mir das auch gar nichts aus. Ich bin trotz der Anstrengungen (Flug etc.) körperlich absolut topfit. Also alles in allem: Mir geht es hier wirklich gut und ich bin wirklich froh hier sein zu dürfen.

Über E-Mails freue ich mich natürlich immer und antworten werde ich auf jeden Fall auch (irgendwann)…

Jenna
20.7.06 22:19


Unbeschreibliche Schönheit und erdrückende Armut

Guten Morgen/Abend/was auch immer,

jeden Tag lerne ich neue Bedeutungen des Wortes „Costa Rica“ kennen. Costa Rica, das meint zum einem unbeschreibliche Schönheit und zum anderen erdrückende Armut. Die Kriminalität soll zwar angeblich im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern äußerst gering sein und doch finde ich hier nirgends ein wirkliches Gefühl von „Sicherheit“. Ich sitze gerade im zehn Quadratmeter-Garten meiner Familie und fühle mich regelrecht in den Gitterstäben gefangen. Auch ein streifenfreier Blick aus meinem Zimmerfenster bleibt mir verwehrt. Andererseits sind diese Vorkehrungen durchaus notwendig: Am Wochenende habe ich mit anderen Austauschschülern die benachbarte Stadt Alajuela besucht. Wir sind mit gemischten Gefühlen durch die Straßen gegangen, denn die Begegnung mit den vielen sich anbietenden Frauen, zu unfassbar günstigen Preisen Drogen anbietenden Gestalten und unzählbar vielen Taschendieben, waren uns nicht gerade angenehm. Die Blicke der vielen Passanten ließen uns regelrecht schmutzig fühlen, wir sind keine Ticas – das kann jeder sehen. Wir sind größtenteils groß, hellhäutig und haben eine ganz andere Haarfarbe. Aber wenn man alleine unterwegs ist lässt sich das ständige Hupen, Pfeifen und Komplimente zurufen kaum ertragen. Im Gegenteil es macht Angst… als Mädchen sollte man hier in der Dunkelheit besser niemals alleine unterwegs sein. Hin und wieder würde ich mir gerne ein Schild umhängen: „SI, SOY ALEMANA“.

Außerdem ist hier alles wahnsinnig verdreckt und es ist schon eine Besonderheit, falls irgendetwas einmal einwandfrei funktionieren sollte. Für die Suche nach einem Mülleimer benötigt man durchschnittlich fünf Minuten und meistens landet sowieso alles auf der Straße. Übernachtet haben wir in einer der schlechtesten Unterkünfte, die man sich mit viel Fantasie gerade noch so vorstellen kann. Die Betten wurden wahrscheinlich noch nie gewaschen und überall wimmelte es nur so von Viehzeug, das man beim Schlafen eigentlich nicht gerne auf sich sitzen hätte. Kakerlaken im Waschbeutel und Chamäleons an der Decke sind da noch harmlose Erfahrungen, Ameisenbauten nicht erwähnenswert, reinregnen und eisige Kälte unscheinbare Nebenerscheinungen. Größtenteils gab es keinen Strom und Duschen waren unbenutzbar. Trotz allem eine sehr interessante Erfahrung, denn eine solche Unterkunft würde es in Deutschland niemals geben.

Dafür war unser Tagesausflug zum Vulkan ein wirklich wunderschönes Erlebnis: ein Großteil der Natur hier scheint wirklich unberührt zu sein, die Lagune hätten wir wirklich gerne zum Schwimmen genutzt. Dennoch habe ich mich am Ende der gemeinsamen Zeit sehr darauf gefreut endlich wieder bei meiner Gastfamilie sein zu dürfen, das muss ich ehrlich eingestehen.

Am Montag durfte ich meinen ersten Schultag hier erleben. Der Unterricht läuft ausschließlich frontal ab und es gibt daraus folgernd auch keine mündlichen Noten. Wenn der Lehrer eine Frage stellt rufen die Schüler ihren Lösungsvorschlag absolut emotionsgeladen in den Raum. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich mir ein solches Verhalten in einem deutschen Klassenzimmer vorstellen würde. Die Räume sind ziemlich klein und jeweils einer einzelnen Person zugewiesen. Hier sind es die Schüler, die wandern müssen. Es gibt keine Tische, sondern nur kleine Brettchen, die an den Stühlen angebracht sind. Die letztendlich Benotung setzt sich aus den eingesammelten Hausaufgaben und monatlich geschriebenen Arbeiten zusammen. Man erwartet von mir, dass ich alles, was in der letzten Erarbeitungsepoche durchgenommen wurde, selbstständig nacharbeite und sämtliche Tests mitschreibe. Alleine für eine Art Referat in einem Fach, das ungefähr einem Zusammenschluss von Geschichte und Politik entspricht, habe ich drei Stunden gebraucht – mir fehlt einfach so viel Fachvokabular. Physik-Mathe (besteht nur aus physikalischen Rechnungen) und Mathe empfinde ich hingegen relativ einfach, auch wenn ich den Stoff so noch nie durchgenommen habe: Zahlen und Symbole sind überall identisch. Englisch beherrsche ich sogar besser als meine Lehrerin, die in ihren Hausaufgabenformulierungen teilweise grässliche Elementarfehler einbaut. In Biologie weiß ich hingegen nicht einmal Ansatzweise, worum es überhaupt geht. Ich vermute, dass das Themengebiet irgendwie mit Photosynthese zusammenhängt, bin mir aber nicht ganz sicher. Angeschrieben wird hier sowieso nie etwas: Jeder Schüler ist selbst dafür zuständig, wie viele Notizen er sich macht, um nachher für die Arbeiten lernen zu können. Zeit für einzelne Personen gibt es bei einer Klassenstärke von 42 Schülern so oder so nicht. Da für die gigantische Schülerzahl nicht genügend Räume und Lehrkräfte zur Verfügung stehen hat eine Hälfte jeweils vormittags und die andere nachmittags Unterricht. Montags bin ich den ganzen Tag in der Schule, dienstags und donnerstags am Vormittag und daraus resultierend Mittwoch und Freitag nachmittags. Insgesamt ein sehr eigenartiger Stundenplanaufbau mit jeweils 40 Minuten Unterricht, vielen Doppelstunden und abgesehen von einer ebenfalls 40-minütigen Mittagspause kaum freie Zeit.

Die Aussage, dass eine Schuluniform in gewisser Weise Identitätsverlust bedeuten könnte, nehme ich hiermit zurück. Es gibt tatsächlich unglaublich viele Möglichkeiten sie individuell zu tragen. Vor allem Mädchen machen davon auf ganz kreative Art und Weise Gebrauch: Da werden neue Knöpfe eingenäht, viel Schmuck, Tücher, Gürtel etc. getragen, eigene Strickjacken darüber angezogen… außerdem ist es für mich bedeutend einfacher, weil ich gar nicht die Möglichkeit habe mich „falsch“ oder besonders auffällig zu kleiden. Dennoch findet sich auch hier wieder unfassbar viel Kitsch.

Meine neuen Klassenkameraden haben mir das Zurechtfinden sehr erleichternd. Auch hier wieder die Feststellung, dass Austauschschüler, die nach Deutschland kommen, es bedeutend schwerer haben müssen. Sie nehmen sich wahnsinnig viel Zeit für mich und erklären mir alles so lange, bis ich es irgendwann endlich verstanden habe. Der Umgang ist ebenfalls wieder sehr auf Körperkontakt angelegt und Höflichkeitsfloskeln haben eine sehr große Bedeutung. Nicht nach dem Wohlbefinden zu fragen erscheint hier schon fast als Sünde. Beim Kennen lernen muss man stets betonen, wie sehr man sich darüber freuen würde und Bedanken ist sowieso bei jeder Kleinigkeit Pflicht. Auch das Telefonieren gehört irgendwie dazu. Costaricaner telefonieren immer und ständig, auch wenn es sich um noch so unwichtige Fragen handelt, die man in Deutschland ohne schlechtes Gewissen selbst entscheiden würde. Allmählich sollte ich meine E-Mail beenden, denn ich werde schon bald den Bus zur Schule nehmen müssen und anschließend ein weiteres langes Stück laufen.

Jenna
27.7.06 21:47





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