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Artikel im Jahresbericht meiner Schule

„Angekommen“ – Dieser Gedanke bewegte mich, als ich am 16. Juli des letzten Jahres vor dem Flughafen in San José zum ersten Mal meiner Gastfamilie Vindas Hidalgo gegenüberstand. Und tatsächlich ließ ich mich schnell von dem Land gefangen nehmen: Es ist unbeschreiblich durch das tiefgrüne Wasser eines Flusses zu gleiten. Das Sonnenlicht bricht durchs Blätterdach und man ist umgeben von der feucht-heißen Luft und den Geräuschen des Urwaldes, während mit ein wenig Glück Krokodile, Affen, Ibisse und Papageien beobachtet werden können.

Mit der Zeit wurde der Blick hinunter auf die Stadt Heredia, deren streng kolonialen Grundriss und die in allen Farben gestrichenen Häuser immer vertrauter, obwohl die aufgrund der hohen Kriminalität vergitterten Fenster zunächst fremd erschienen. Umgeben von Kaffee-Anbau und Bananenplantagen lernte ich zudem bald Reis und Bohnen als Hauptnahrungsmittel kennen. Oft bilden diese in gebratener Form sogar das Frühstück „Gallo Pinto“, welches durch Mantequilla und Tortillas (Maismehlfladen) ergänzt werden kann. Aufgrund der Lage zwischen den beiden Ozeanen sind natürlich auch Fisch und Meeresfrüchte zu erwähnen. Dennoch ist der Kühlschrank häufig leer. Einer der Gründe dafür ist, dass vorausschauendes Einkaufen nicht unbedingt zu den Stärken vieler Ticos gehört. Auch sonst sind langfristige Planungen kaum vorzufinden, die Sozialversicherung beispielsweise bilden nicht selten die Verwandten.

Stattdessen ist die allgemeine Lebensweise geprägt von Spontaneität und Offenheit. Der ausgeprägte Nationalstolz und die aufrichtige Freude über Interesse an ihrer Kultur vereinfachen die ersten Begegnungen mit den Menschen im Land zusätzlich. Obwohl ich mich anfangs manchmal „sprachlos“ fühlte, reichten ein Lächeln und die dort so typischen Umarmungen häufig aus, um das mitzuteilen, was anders vielleicht gar nicht ausgedrückt hätte werden können.

Daneben wird der Musik, dem Tanz eine große Bedeutung zugeschrieben. „Lerne dich zu bewegen“, forderte mich Maria José, eine gleichaltrige Klassenkameradin, gleich zu Beginn auf. Vor allem Salsa, Cumbia und Merengue sind neben dem sich von der Karibikküste verbreitendem Reggae beliebt. In den Abendstunden herrscht im „Parque Central“, einer Grünfläche mit diagonalen Teerwegen und pflegeleichten, beschmierten Betonbänken, reges Leben. Dann findet man sich z.B. von der Schule kommend ein, um der Musik zu lauschen und den traditionellen Tänzen zu folgen.

Angefangen hat der Tag meist ganz anders: Meine Gastmutter Marlene bekreuzigte mich stets, bevor ich das Haus verlassen durfte. Der katholische Glaube ist fest im Alltag verankert. Morgendliche Rosenkranzgebete und Lobpreisungen der „Virgen María“ finden nach der Nationalhymne selbst im Schulleben ihren Platz. Sie sollen Kraft für den Alltag geben, der für viele meiner Mitschüler eine große Herausforderung darstellte. Costa Rica ist zwar für lateinamerikanische Verhältnisse relativ wohlhabend und dennoch sind viele Missstände vorzufinden. Ich begegnete einem Jungen, der sich lieber verdächtigen ließ zu schwänzen, statt zu offenbaren, dass er sich eine Schuluniform mit seinem Bruder teilen müsse. Die unterbezahlten Lehrerinnen und Lehrer haben nur selten Zeit und wenig Motivation sich dem Einzelnen (einer teilweise mehr als 40 Schüler umfassenden Klasse) zu widmen. Ihr Arbeitstag beginnt um sieben Uhr und kann sich aufgrund der zweischichtigen Unterrichtserteilung bis in den späten Abend hineinziehen - denn ansonsten wäre nicht genug Raum für die hohe Klassenanzahl vorhanden. Hinzu kommt, dass sie selbst gerade im fremdsprachlichen Bereich nicht das erforderliche Niveau haben, um ausreichend zu fordern und zu fördern. Stattdessen ist Frontalunterricht üblich. Jeder ist selbst dafür verantwortlich sich ausreichend Notizen zu machen, um für die anstehende Examenswoche lernen zu können. Die Benotung erfolgt in Prozenten und ausschließlich auf schriftlicher Grundlage. Dabei wird den Hauptfächern Spanisch, Englisch, Mathe und Erdkunde ein besonderes Gewicht zugeteilt. Doch auch Naturwissenschaften und sogar Psychologie, Maschinenschreiben und Ackerbau sind für das nach elf Jahren erreichte Bachillerato von Bedeutung. Die Inhalte waren mir bereits aus den vorherigen Schuljahren der Ursulaschule bekannt. Dementsprechend profitierten in schulischer Hinsicht eher meine Klassenkameraden von meiner Anwesenheit (zumal ich begann Deutschstunden zu geben) – während ich andersherum erst durch sie die lateinamerikanische Mentalität, der eine gewisse Leichtigkeit des Seins nachgesagt wird, wirklich kennen lernte.

Einem europäischen Besucher fällt vermutlich zunächst das Schulgelände an sich auf. Das Colegio „Samuel Sáenz Flores“ besteht aus drei parallelen Wegen, welche auf beiden Seiten von einstöckigen Gebäuden umgeben sind. Die große Verwendung von Wellblechdächern macht das Unterrichten bei starken Regenfällen in der Zeit von Mai bis November nahezu unmöglich. Nicht übersehbar sind außerdem die Spiegel in fast jedem Klassenraum. Costaricaner sind sehr auf ihr Äußeres bedacht, darauf in der Gesellschaft ein perfektes Bild abzugeben. Eine Bitte wird selten rundweg abgeschlagen, es wird stets ein Funken Hoffnung vermittelt. Auch tendieren sie eher zu höflichen Notlügen, anstatt Konflikte offen auszutragen und sich mit der Wahrheit oder Unwissen auseinandersetzen zu müssen. Meine 23-jährige Gastschwester Laura z.B. stimmte den (aus ihrer Sicht unbegründeten) Forderungen ihres Vaters der Erziehung entsprechend stets ohne Widerworte mit „Si, señor“ zu…

„Costa Rica“, das bedeutet für mich inzwischen zwar zum einem häufig ausfallende Wasserversorgung, ausgeprägter Drogenhandel und Prostitution, vor allem aber unglaubliche Schönheit und Naturvielfalt. Die zwischenmenschlichen Kontakte und die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, werden mich rückblickend gewiss mein ganzes Leben lang prägen – danke dafür.
19.7.07 16:02


Interview Schülerzeitung

Weshalb hast du dich für ein Austauschjahr in Costa Rica entschieden?
Generell sehe ich in einem längeren Auslandsaufenthalt die Chance gänzlich in eine andere Kultur eintauchen zu können und eine Sichtweise zu gewinnen, die mir bei einem Touristen-Dasein verwehrt geblieben worden wäre. Meine anfänglichen Überlegungen waren deshalb diesbezüglich ziemlich weitläufig – ich konnte mir prinzipiell beinahe jedes Reiseziel vorstellen. Letztendlich begannen sich allmählich nach eingehender Information klare Vorstellungen von „meinem“ Jahr herauszukristallisieren. Die lateinamerikanische Lebensweise, der eine gewisse Leichtigkeit des Seins nachgesagt wird und die deutlich von der deutschen Mentalität abweicht, faszinierte mich. Die fehlenden Sprachkenntnisse nahm ich hingegen nicht als Hindernis wahr (zumal ich durch die freiwillige Teilnahme am Spanischunterricht der höheren Klassenstufen die Möglichkeit hatte, mir im Vorfeld zumindest einen Grundwortschatz zu erarbeiten). Natürlich stößt man bei eingehender Beschäftigung auch auf Schattenseiten, dennoch überwog die Begeisterung aller, die diesen Schritt bereits gewagt hatten. Auch ich lernte allmählich zwischen Uruguay und Paraguay zu unterscheiden. Das meine Entscheidung letztendlich auf dieses kleine, mittelamerikanische Land fiel, ist hauptsächlich auf dessen Naturvielfalt zurückzuführen. Außerdem erschloss sich mir dadurch die Möglichkeit die fast zweimonatigen Sommerferien in den USA zu verbringen.

Wie lange lebst du schon in Lateinamerika?
Physisch angekommen bin ich am 16. Juli des letzten Jahres, als ich am Flughafen in San José zum ersten Mal meiner zukünftigen Gastfamilie gegenüberstand. Die tatsächliche Bedeutung habe ich allerdings erst viel später realisiert. Es gab Momente, deren Eindrücke in der Lage waren, mich vollkommen gefangen zu nehmen und in denen ich plötzlich wirklich dachte: „Jenna, DU bist hier in Costa Rica“. Es ist unbeschreiblich durch das tiefgrüne Wasser eines Flusses zu gleiten, vorbei an den Palmen und Mangroven, den ins Wasser hängenden Blättern und Lianen… das Sonnenlicht bricht durchs Blätterdach und man ist umgeben von der feucht-heißen Luft und den Geräuschen des Urwaldes, während mit ein wenig Glück Krokodile, Affen, Ibisse und Papageien beobachtet werden können.

Was fasziniert dich an diesem Land?
Zunächst natürlich die Geografie an sich: einsame Karibikstrände in Postkarten-Qualität, viele geschützte Regenwälder und aktive Vulkane. Ich habe bereits Erdbeben gespürt und riesige Meeresschildkröten bei der Eiablage beobachten können. Die Möglichkeit im Prinzip jedes Wochenende als „Rucksacktourist“ unterwegs zu sein und beim Aufbrechen mein genaues Ziel noch nicht zu kennen, genieße ich sehr. „Plötzlich“ findet man sich in Panama, Nicaragua oder Cuba wieder. Auch allgemein ist das Leben geprägt von Spontaneität und Offenheit. Mich beeindruckt noch immer sehr, dass meine Gastfamilie mich wirklich in ihr Herz aufgenommen hat. Die Liebe zu ihrem eigenen Land und die Begeisterung mir ihre Kultur nahe zu bringen, scheinen beinahe alle Ticos zu teilen. Deshalb bin ich auch durchaus in der Lage gewisse Oberflächlichkeiten und Unzuverlässigkeiten zu übersehen – frei nach dem costaricanischen Lebensmotto „Pura Vida“ (reines Leben).
Dennoch finde ich es unangebracht nur nach den positiven Aspekten zu fragen. Denn „Costa Rica“, das bedeutet für mich zwar zum einem unglaubliche Schönheit, zum anderem aber auch erdrückende Armut, hohe Kriminalität, ausgeprägten Drogenhandel, Prostitution, häufig ausfallende Wasserversorgung, geringes Umweltbewusstsein und viele Sonnenbrände.

Wie verläuft denn ein gewöhnlicher Schultag für dich?
Eigentlich wäre eine derartig oberflächliche Darstellung des Schulsystems nicht angemessen, weil zwangsläufig Rückschlüsse gezogen werden würden, die sich aufgrund der Komplexität der Thematik nicht untermauern ließen. Dieses hängt wahrscheinlich auch mit den Ansprüchen unterschiedlicher Kulturen an die Einrichtung Schule zusammen. Ich selbst war zum Beispiel über den aktuellen UN-Deutschlandbericht des Ticos Vernor Muñoz schockiert, während mein Gastvater der Überzeugung war, meine spanischsprachige Satire der alltäglichen Unterrichts-Erlebnisse noch einmal komplett neu formulieren zu müssen.
Dennoch möchte ich vor diesem Hintergrund meine subjektive Eindrücke schildern, obwohl sie sich nicht mit den offiziellen Informationen decken, nach denen Costa Rica ein „modernes, international ausgerichtetes Schulsystem“ hätte:
Der Unterricht an einem staatlichem „Colegio“ beginnt offiziell bereits um sieben Uhr morgens. Allerdings habe ich sehr schnell realisiert, dass es vollkommen ausreichend ist, erst zwei Stunden später zu erscheinen. Versuche dafür Punkte in der Verhaltensnote abzuziehen haben bisher auch noch keine Veränderung des allgemeinen Pünktlichkeitsverständnisses bewirken können. Falls sich schließlich sogar noch der jeweilige Fachlehrer durchringen sollte zu erscheinen, folgen einige sich dahin ziehende Stunden langweiligen Frontalunterrichts. Daraus folgernd gibt es auch keine mündlichen Noten und den wenigen Examen wird in der Gesamtbeurteilung eine hohe Bedeutung zuteil. Angeschrieben wird hier sowieso nie etwas: Jeder Schüler ist selbst dafür zuständig, wie viele Notizen er sich macht, um nachher für die Arbeiten lernen zu können. Zeit für einzelne Personen gibt es bei einer Klassenstärke von 42 Schülern so oder so nicht.
Einem Besucher würde wahrscheinlich zunächst das Schulgebäude an sich auffallen. Ich assoziiere immer wieder Mäusekäfige, wenn ich mit meinen Klassenkameraden durch einen der drei parallelen Teerwege gehe und auf beiden Seiten in regelmäßigen Abständen vergitterte Türen erscheinen. Die große Verwendung von Wellblech macht das Unterrichten bei starken Regenfällen nahezu unmöglich. Zur Fortbewegung wird auch innerhalb des Schulgeländes immer ein Regenschirm benötigt. Auffällig ist auch, dass in wirklichen jedem Klassenraum ein Spiegel zu finden ist. Ticos sind sehr auf ihr Äußeres bedacht – auch wenn sie auf sonstige Sauberkeit keinen Wert zu legen scheinen. Die Anlagen sind verdreckt und vermüllt, auf den Schultoiletten gibt es kein Klopapier (da beschwere sich noch einmal jemand, der Papierspender am Waschbecken sei schon wieder leer).

Wie beurteilst du den Anspruch des Unterrichtes?
Das Niveau entspricht in vielen Fächern ungefähr der siebten Klasse in Deutschland und vor allem in Englisch amüsiere ich mich häufig über die Elementarfehler meiner Lehrerin Dementsprechend haben eher meine Klassenkameraden in schulischer Hinsicht von meiner Anwesenheit profitiert, während ich mich mit zunehmenden Spanischkenntnissen langweilte. Dafür habe ich im Bezug auf kulturelle Aspekte viel von meinen „amigos“ lernen dürfen und kann jetzt zum Beispiel beurteilen, wie sich das Tragen einer Schuluniform anfühlt oder die Beliebtheit der Musikrichtung „Reggaeton“ einzuschätzen ist. Doch als im Februar das neue Schuljahr begann, wechselte ich dennoch auf eine Institution der Universität und habe es irgendwie geschafft den Kontakt zu meinem alten Colegio auch weiterhin aufrecht zu erhalten. Dass der Unterricht qualitativ nicht zu vergleichen sein würde, war mir bereits im Vorfeld bewusst, aber die herzliche Aufnahme meiner Mitschüler war nur eine Hoffnung… die sich für mich auf wunderbare Art und Weise erfüllt hat.

Würdest du anderen Schülern auch ein Schuljahr in Costa Rica empfehlen?
Auf gar keinen Fall! Der doch erhebliche Aufwand lohnt sich überhaupt nicht … (lacht).
Nein, tatsächlich dürfte meine allgemeine Begeisterung für dieses Land inzwischen offensichtlich geworden sein. Dennoch bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass das Gastland nur den Rahmen eines gelungen Austauschjahres darstellt. Der Erfolg ist abhängig von der eigenen Persönlichkeit und den Menschen, denen man begegnet. Deshalb wünsche ich denen, die ein derartiges Vorhaben wagen wollen, eine herzliche Aufnahme, egal welche Umgebung sie von da an ihre „zweite Heimat“ nennen dürfen.
28.5.07 20:32


Sehen lernen entwickelt das Bewusstsein

„Wenn ich die Geschichte in Worten erzählen könnte, brauchte ich keine
Kamera herumzuschleppen.“

Lewis W. Hine, 1874 - 1940

In diesem Sinne heute nur Impressionen in Form von wenigen Fotografien:

http://de.pg.photos.yahoo.com/ph/jennabehrends/my_photos

Muchos Saludos

Jenna
13.4.07 19:57


"Komm", sagte der kleine Tiger, "wir finden einen Schatz!"

„Ja, hallo erstmal. Ich weiß jetzt gar nicht, ob ihr’s schon wusstest, aber…“

Nachdem ich bereits längere Zeit auf einen allgemeinen Rundbrief verzichtet habe, möchte ich doch wieder ein Lebenszeichen von mir geben. Alarmierend wirkten dabei vor allem E-Mails mit ähnlichem Wortlaut („Ich habe keine Ahnung, was momentan bei dir passiert“) und schockierte Feststellungen („Wiiiie? Du bist gar nicht mehr in Costa Rica?“). Andererseits muss ich auch eingestehen diese Aufgabe vor mir her geschoben zu haben, denn die letzten erlebnisreichen Monate lassen sich nicht einfach so in ein paar Absätzen zusammenfassen, als dass ich mit dem Ergebnis zufrieden wäre. Dieser Text stellt somit nur einen groben Versuch dar und trägt vor allem den Hinweis, dass persönlicher Kontakt nach wie vor am aufschlussreichsten ist und im Regelfall auch eine Antwort garantiert.

Vielleicht sind die äußerlichen Fakten zunächst von größter Bedeutung. Nachdem ich das Weihnachtsfest noch mit meiner costaricanischen Gastfamilie und Freunden verbracht habe, bin ich am 27. Dezember über Texas nach Kalifornien geflogen. Dort sitze ich auch momentan irgendwo in Sacramento an einem Schreibtisch und versuche eine Erklärung für diesen befristeten Wechsel zu geben. Letztendlich nutze ich nur die langen Sommerferien, um weitere kulturelle Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln, denn in einiger Zeit muss ich wieder zurück nach Costa Rica in dieselbe Situation. Meine Gastfamilie erwartet mich bereits, weil ich im familiären Alltag doch irgendwie fehlen würde. Nur zu meiner Schule werde ich nicht zurückkehren und mich stattdessen (wie auch einige meiner Klassenkameraden) wahrscheinlich bei der Universität einschreiben. Ich hoffe damit auch andere Aspekte des Lebens dort kennen lernen zu können und freue mich bereits jetzt auf neue Herausforderungen (so interessant ich die Geschichte der lateinamerikanischen Länder auch gewesen sein mag).

Momentan genieße ich allerdings noch den „american way of life“, vor allem weil es hier tatsächlich Mineralwasser, Schwarzbrot, Käse und andere Kleinigkeiten, die ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe, gibt. Außerdem stelle ich manchmal überrascht, manchmal schockiert fest, wie viele Vorurteile tatsächlich doch zutreffen. Es sind viele kleine Beobachtungen, die ich alle versuche mir irgendwie zu bewahren und die ich eigentlich erzählenswert fände. Es ist die Art und Weise, wie Menschen einander begegnen, die mich besonders fasziniert. Überall gibt es andere Orientierungspunkte, die manchmal zur Verwirrung führen können. So hat mich z.B. mein amerikanischer Gastvater zu einem Geschäftsmeeting mitgenommen, an dem auch ein Hispanic teilnahm. Wir sprachen miteinander Spanisch und letztendlich kam der Verabschiedungszeitpunkt. Würde ich lateinamerikanisch sein, wäre es üblich gewesen mich zu umarmen, beim weißen Teil der Bevölkerung nimmt man davon eher Abstand. Letztendlich hat er sich für „a hug“ entschieden und damit meinen Gastvater sehr irritiert.

Ich bin wirklich glücklich diese zusätzlichen Erfahrungen gerade zu diesem Zeitpunkt auch noch mitnehmen zu dürfen. Vor allem trotz vieler Ausflüge nicht aus der Perspektive der Reisenden heraus, sondern doch irgendwie immer mit der Kultur verbunden. Egal ob es sich jetzt um Nicaragua, Panama oder einfach nur Washington und San Fransisco handelte. Ich habe letztens darüber nachgedacht, was mir die letzten Monate eigentlich gebracht haben. Natürlich war nicht immer alles einfach und schön und doch habe ich bereits jetzt viel für mich und mein weiteres Leben gelernt, auf das ich nicht verzichten möchte. Selbstverständlich heißt das nicht, dass ich mich nicht auf meine Rückkehr nach Deutschland freuen würde und darauf euch alle wieder zu sehen, ganz gewiss nicht, denn in meinem Herzen bin ich noch immer „Jenna“ (auch wenn darin neu gewonnene Freunde ebenfalls einen Platz gefunden haben).

Deshalb freue ich mich auch immer sehr über die lieben, teilweise sehr langen Rückmeldungen von „Zuhause“. Diese kleinen Dinge haben für mich bei so großer räumlicher Entfernung immer eine besondere Bedeutung.

Davon ausgehend bis hoffentlich bald

Jenna
8.2.07 11:55


Es Costa Rica....

¡Buenas noches!

Nachdem ich vom Wochenendausflug an den Strand nach Tortuguero zurückgekehrt bin und inzwischen bereits wieder die Dämmerung einsetzt, finde ich jetzt noch etwas Zeit für einen weiteren kurzen Rundbrief. Das tägliche Leben kommt hier aufgrund der frühen Dunkelheit bereits um sechs Uhr zur Ruhe. Ein Großteil der Geschäfte ist geschlossen und es wird in bestimmten Gegenden gefährlich sich alleine fortzubewegen. Aufgrund dessen ist übrigens meine Mitaustauschschülerin vor einer Woche wieder in die Staaten zurückgekehrt und hat mich hier ganz alleine zurückgelassen… eine Messerbedrohung ist zwar ein schockierendes Erlebnis, während meiner Anwesenheit wurde bereits bei vielen Bekannten eingebrochen und auch ich habe bereits Erfahrungen sammeln müssen – aber ich finde es wirklich schade, dass solche Ereignisse die Schönheit dieses Landes überdecken können. Im letzten Rundbrief war das leider nicht so ersichtlich, weil ich versehentlich einen Abschnitt gelöscht habe, der das Verständnis ermöglicht hätte. Somit möchte ich all diejenigen beruhigen, die noch immer glauben zwischenzeitliche Mitteilungen nicht erhalten zu haben:

Während meines Aufenthaltes in Mansanillo haben eine andere Austauschschülerin, unsere costaricanische Betreuerin und ich (mit dem Vorhaben einige Fotografien der Umgebung aufzunehmen) eine Wanderung zu einem Aussichtspunkt in der Nähe des Strandes unternommen. Da ein zwischenzeitlicher Aufenthalt im Wasser gänzlich unverantwortlich ist, sind wir früh aufgebrochen und haben die Menschenleere genossen. Als unsere Begleiterin auf die umliegenden Muscheln aufmerksam machte, legten wir unsere Taschen ab und wendeten uns begeistert ihren Fundstücken zu. Doch diese fotografisch festzuhalten war nicht mehr möglich – trotz der Tatsache, dass wir wirklich niemanden in der Nähe hatten beobachten können und unserem frühen, ausschließlich diesem Anlass dienendem Aufbrechens. Vorwürfe sind im Nachhinein natürlich, aber ich bin hier inzwischen wirklich zu einer sehr achtsamen und vorsichtigen Person geworden, die wahrscheinlich auch in Deutschland einen ausgeprägten „Sicherheitstick“ beibehalten wird.

Und um noch einmal den erhaltenen Abschnitt der letzten E-Mail zu zitieren:

„…aber wahrscheinlich gehört es einfach dazu einen Diebstahl erleben zu müssen. Denn andererseits war es auch ganz lustig im Nachhinein in einer Polizeistation ohne Fenster, direkt am Wasser, mit dem Polizisten über seinen handgeschriebenen Bericht zu diskutieren (eine Stunde für ein paar Zeilen).“ Frei nach dem costaricanischem Lebensmotto: „Tranquila, es pura vida.“

Immer wieder werde ich danach gefragt, wie denn eine typische Mahlzeit dieses Landes aussehen würde. Deshalb möchte ich noch einmal genauer darauf eingehen; die einfache Antwort lautet: Reis, Reis, Reis und noch einmal Reis. Die costaricanische Küche ist eher einfach und schmackhaft kräftig, als reich an Variationen und Raffinesse. Weiterhin sind selbstverständlich Bohnen als Hauptnahrungsmittel zu erwähnen. Das sind auch die Zutaten für das Nationalgericht „casado“, was so viel bedeutet wie „verheiratet“ (auch wenn ich bis jetzt noch nicht ganz verstanden habe, wo dort der Zusammenhang liegt). Der Reis und die gebratenen, schwarzen Bohnen werden je nachdem mit Rührei, Mantequilla (in diesem Fall Sauerrahm), Plátanos (sind meines Wissens nach Kochbananen, die anderen heißen bananos), Salat und ganz selten auch äußerst knorpeligem Fleisch ergänzt. Ein wenig Abwechslung scheinen selbst Ticos dann doch noch vorzuziehen… An der Karibikküste findet man auch häufig „Rice & Bean“, das durch die Zugabe von Kokosnuss geprägt ist.

Ähnlich sieht das Frühstück „gallo pinto“ aus – wie ich das deutsche Brot doch vermisse: Wiederum eine Mischung aus Reis und schwarzen Bohnen, die in der Pfanne gebraten werden und durch Mantequilla und Tortillas ergänzt werden können. Tortillas sind hier allgemein sehr beliebt und in kleinen Plastikbeuteln zum Aufwärmen in der Mikrowelle zu erwerben. Aber eine Übersetzung fällt mir schwer: Vielleicht runde Maismehlfladen mit etwa 15 cm Durchmesser? Es kommt auch öfters vor, dass Ticos den ganzen Tag über ausschließlich Tortillas mit „Queso Crema“ (einer Art Schmierkäse) zu sich nehmen, weil es ansonsten kein anderes Essen im Haus gibt. Vorausschauendes Einkaufen gehört nicht unbedingt zur Stärke von einem Großteil der Menschen, die ich inzwischen kennen gelernt habe – die Kühlschränke sind fast immer leer.

Aufgrund der Lage zwischen den beiden Ozeanen sind natürlich auch Fisch und Meeresfrüchte nicht zu vergessen und den erstaunlichen Obstverzehr habe ich bereits in den ersten Tagen meines Aufenthaltes beschrieben. Ich persönlich mag besonders gerne die diversen Gemüsegerichte: Yucca (mir fällt kein wirklicher Vergleich ein, schmeckt vielleicht ein wenig wie Kartoffeln), Karotten, Kürbis, Zucchini, Maniokwurzeln, Paprika (die hier niemand roh zu essen scheint) und natürlich auch Kartoffeln (aber niemals so zubereitet, wie es in Deutschland der Fall ist). Häufig wird in diesem Zusammenhang auch mit enormer Schärfe gearbeitet. Dabei sieht man das dem in Essig eingelegten Gemüse häufig gar nicht an… vor allem um „ceviche“ machen ich inzwischen einen großen Bogen. Es handelt sich dabei um rohen Fisch, der mit Limonen, Zwiebeln und Koriander gewürzt wurde.

Häufig serviert werden auch „plátanos fritos“ (gebratene Kochbananen), pollo asado (scharf gewürztes Hühnchen), sopa negra (dunkle Wasserpansche mit ein paar Bohnen und Eistücken), „olla de carne“ (Eintopf aus dem, was gerade zu Verfügung steht, häufig Fleisch, Hühnchen, Yucca und anderes Gemüse), „frijoles refritos“ (Bohnenbrei), gewürzte Avocados und in Limón auch „pan bon“ (Gewürzbrot mit Früchten).

Ticos kaufen kaum Getränke ein, wie es in Deutschland üblich ist. Deshalb wird zu den Mahlzeiten viel Leitungswasser getrunken, das nahezu nur aus Chlor zu bestehen scheint und in abgelegenen Gebieten gewiss nicht den deutschen Vorschriften entspricht. Die selbst gemachten Frescos aus z.B. Ananas, Mangos und Sternfrüchten schätze ich deshalb besonders. Außerdem sind auch Kakao und das so genannte „agua dulce“ äußerst beliebt, es handelt sich hierbei um heißes Wasser mit ein wenig Milch und braunem Rohrzucker. Im Vergleich mit dem Kaffe hier würde übrigens die Brühe, die wir gewöhnt sind, sehr, sehr schlecht abschneiden. Schokolade gehört zu meiner großen Verärgerung leider eher zu den Luxusgütern. Hin und wieder werden auch importierte Nudeln und Pizzen (letztere eigentlich nur in den Fast-Food-Ketten in „größeren“ Städten) serviert – aber allgemein ist das Angebot äußerst eingeschränkt, wie aus dem etwas längerem Abschnitt hoffentlich ersichtlich wurde.

Auch bin ich noch immer nicht wirklich auf meinen neuen Wohnort eingegangen. Ich lebe in einem Stadtteil von Heredia, das Teil der zentralen Hochebene ist und nur 12 Kilometer von der Hauptstadt San José entfernt liegt. Dennoch ist Heredia äußerst selbstständig und auf gar keinen Fall als kleine Vorstadt zu betrachten. Es ist bei etwa 1100 Metern Höhe gebirgig und beherbergt angeblich um die 75.000 Einwohner. Plakate werben für die „Ciudad de las flores“, aber ich vermisse hier manchmal die grüne Vielfalt des Landes. Der Grundriss ist streng kolonial und verleitet mich immer wieder zum Gedanken der „Karo-Schulblock-Planung“. Andererseits ist es mir dafür bisher noch nicht wirklich gelungen mich zu verlaufen… eine leichte Orientierung ermöglichen vor allem die drei Pärke, die diesen Titel eigentlich gar nicht verdienen. Es handelt sich hierbei um Rasenflächen mit diagonalen Teerwegen und pflegeleichten, beschmierten Betonbänken; und dennoch lieben Ticos ihre Pärke und finden sich abends häufig im „Parque Central“ ein, um der Musik zu lauschen und den traditionellen Tänzen zu folgen. Die Atmosphäre der Stadt wird vor allem durch ihre Studenten geprägt, denn östlich des Zentrums liegt die „Universidad National de Costa Rica“. In diesem Land studiert nahezu jeder, doch nur wenige schaffen die Aufnahme an einer der kostenfreien staatlichen Universitäten. Ich mag Heredia wirklich sehr, denn die zentrale Lage ermöglicht viele Ausflüge und auch das Stadtleben hat seine Vorteile (auch wenn ich manches sehr vermisse). Doch aufregen könnte ich mich vor allem über den herumliegenden Müll. Recycling und Trennung scheinen hier sowieso regelrecht Fremdwörter zu sein - da mangelt es nicht nur an einer Biotonne (Insider). Familien sammeln ihre Abfälle in Einkaufsplastiktüten und gerade weil auch gebrauchtes Klopapier dazugehört sind die Straßengerüche an Abfuhrtagen nicht gerade angenehm. Aber zurück zu Heredia, denn hierbei handelt es sich um ein leider ganz Costa Rica betreffendes Problem… die Stadt ist eigentlich recht unspektakulär und es gibt wenig Sehenswürdigkeiten. Die Häuser sind höchstens zweigeschossig und in den ungewöhnlichsten Farben gestrichen. Besonders rosa scheint beliebt zu sein, aber ich habe auch schon gelbe, orange, hellgrüne und hellblaue Wände gesehen. Am interessantesten finde ich das Festungsgebäude „El Fortin“, auf meinem Schulweg amüsiere ich mich immer über den Wachturm mit den umgekehrten Schießscharten (so viel zum Thema Verteidigung, pero tanquila). Außerdem prägen aufwendig gestaltete Kirchen das Stadtbild und im „Casa de la Cultura“ werden hin und wieder schlecht besuchte Theaterstücke aufgeführt.

Ticos haben zum Großteil für Kultur kein sonderliches Interesse. Wie man nur ein Bücherregal in seiner Wohnung haben kann, ist für die meisten sogar gänzlich unverständlich. Trotz der Musikleidenschaft und eines faszinierenden Rhythmusgefühls sind nur wenige in der Lage in Deutschland typische Instrumente zu spielen. Dennoch finden sich einige, die sich mit dem selbstständigen Erwerb des Gitarrenspiels erwerben. Für Jugendliche gibt es hier eigentlich gar keine Angebote (Sportvereine, Kirchenorganisationen, Volkshochschulen etc.) und die Freiheiten für gemeinsame Unternehmungen mit Amigos werden durch die Eltern sehr begrenzt. Stattdessen wird überdurchschnittlich viel und laut ferngesehen.

Wie bereits oben erwähnt habe ich das Wochenende im Nationalpark Tortuguero verbracht. Der Ort an der Karibikküste ist nur über das Fluss- und Kanalsystem zu erreichen, weshalb wir nach der Busfahrt mit unserem Gepäck in ein kleines Motorboot wechseln mussten. Allein die Anreise ist ein Erlebnis für sich. Natürlich kann ich mich um eine Beschreibung bemühen und doch glaube ich, dass es unmöglich ist das Wahrgenommene nachzuvollziehen und sich vorzustellen. Die wunderschönen Bilder aus dem Fernsehen gibt es wirklich und in solchen Momenten denke ich plötzlich: „Jenna, DU bist hier in Costa Rica“. Es ist unglaublich durch das tiefgrüne Wasser zu gleiten, vorbei an den Palmen und Mangroven, den ins Wasser hängenden Blättern und Lianen… das Sonnenlicht bricht durchs Blätterdach und man ist umgeben von der feucht-heißen Luft und den Geräuschen des Urwald, während man mit ein wenig Glück von Krokodilen, Affen, Ibissen und Papageien begleitet wird.

In der Nacht hatten wir die Möglichkeit am Strand Schildkröten bei der Eiablage zu beobachten. Daher hat der Ort auch seinen Namen „Tortuga“ ist das spanische Wort. Die trächtigen Weibchen kriechen im Mondlicht den Strand hinauf und vergraben anschließend ihre Eier. Trotz der schlichten Schilderung ebenfalls ergreifend ^^

Auch unser Lagerfeuer am Strand unter einem wunderschönen, dichten Sternenhimmel wird sich niemand wirklich vorstellen können… das Rauschen der Wellen, die Leere, selbst gemixtes „Pipa Colada“. Die jungen Kokosnüsse heißen „Pipas“ und sind ein beliebtes Getränk, das weichere Fleisch wird häufig einfach weggeworfen. Gemixt mit Rum und Sirup, außerdem stilecht aus der mit einer Manschette geöffneten Nuss getrunken wirklich lecker (zumal eigene Erfindung, da in den Bars nur „Piña Colada“ (Piña = Ananas) angeboten wird). Während wir mit einem Stock versucht habe die Pipas zu ernten haben wir sogar einen großen Leguan beobachten können, der es sich dort gemütlich gemacht hat. So etwas ist nur in Costa Rica möglich und auf gar keinen Fall mit Zoobesuchen zu vergleichen. Dafür liebe ich dieses Land, für seine Fröhlichkeit… ja, Costa Rica ist für mich inzwischen wirklich pura vida. ¡Sunshine-Reggaeton con just a little smile! Auch die Wärme fühlt sich hier nebenbei aufgrund der Luftfeuchtigkeit bedeutend heißer an, zumal wir momentan auf dem Höhepunkt der Regenzeit sind und es fast jeden Tag regnet.

Das Gebiet um Heredia ist durch den Kaffee-Anbau geprägt, doch vor allem Grün und Blau beeinflussen das Bild der Landschaft. Das Grün der Bananenstauden und das Blau der über die reifenden Früchte gehängten Plastiktüten. Scherzhaft wird Costa Rica manchmal auch „Bananenrepublik“ genannt, denn denen verdankt es seine Unabhängigkeit.

Am 15. September war hier übrigens der „Día de Independencia“. Die Bevölkerung feiert den Tag mit großen Umzügen der Colegios und Escuelas durch die Straßen. Es werden Tänze aufgeführt, Fahnen getragen und Trommeln gespielt. Das ganze Land ist auf den Beinen, niemand bleibt Zuhause und lässt sich das bunte Treiben entgehen. Auch der vorabendliche Laternenumzug fand außergewöhnlich viele Teilnehmer. Ticos sind stolz auf ihr Land und zeigen das auch. Fahnen prägen Hauseingänge, Postannahmestelle, Supermärkte und Schulen den gesamten Monat. Europa wird von hier aus nicht in seinen einzelnen Ländern wahrgenommen, sondern ausschließlich als ganzes. Ich bin hier schon fast zur stolzen Europäerin geworden. Zumal die Erfahrungen mit diesem Kontinent nahezu ausschließlich positiv sind, während die Ticos den „Gringos“ (Amerikanern) gegenüber eher eine gewisse Hassliebe empfinden. Sie sind wirtschaftlich auf sie angewiesen und können sich deshalb trotz einer gewissen (ich weiß das Wort passt nicht) Kolonialisierung, die heute immer noch stattfindet, nicht lösen. Andererseits nehme selbst ich das Verhalten der Touristen in diesem Land größtenteils als absolut unpassend wahr und die angebliche Modernisierung und Bereicherung ist nicht immer ein Segen. Eine schwierige Situation, wenn die Ticos nicht weiter hassend (aber sich der Bedeutung des Geldes bewusst) schweigen… aber ich will hier keine politische Analyse aufstellen.

Stattdessen verabschiede ich mich jetzt und weise noch einmal darauf hin, dass ich mich über jegliche E-Mail wirklich immer sehr freue

Jenna
4.10.06 03:04


Das Leben geht weiter...

Hola a todos,

ich blättere momentan in meinem Timer und reflektiere die vorhergegangen zwei Monate. Beim Zuschlagen bin ich nicht in der Lage zu beurteilen, ob dieser Zeitraum als lang oder kurz zu betrachten sein sollte. Auf der einen Seite sind die Tage aufgrund vieler Erlebnisse schnell vorüber gezogen, andererseits entsteht im Nachhinein gerade durch diese Vielzahl ein ganz anderer Eindruck. Wann habe ich eigentlich meinen letzten Rundbrief verfasst? Meine Schreibabstinenz ist nicht (wie einige bereits vermuteten) auf mangelnde Neuigkeiten zurückzuführen – wie soll das in diesem Land, wo doch eigentlich alles neu und anders ist, auch möglich sein?!? Viel mehr vermag ich gar nicht mehr auszusortieren, welche Dinge diese Gruppe berühren. Mein Lebensstil hat sich gänzlich dem des Landes angepasst, nur kleine, besonders wertvolle Eigenarten habe ich beibehalten. Eigentlich gerade, um nicht gänzlich in der Masse zu verschwinden… und doch ziemlich erfolglos. Ich habe zum Beispiel bereits mitgeteilt, dass es hier typisch ist, die Schulrucksäcke möglichst eng zu schnallen und sich aufgrund dessen gegenseitig beim Aufsetzen unterstützen zu müssen. Dennoch habe ich mich aus denkbaren Gründen strikt gegen diese Tragweise geweigert und stelle stattdessen fest, dass immer mehr Mitschüler sie übernehmen. Zunächst Klasse, dann Jahrgangsstufe und jetzt eigentlich die gesamte Schule. Genauso verhält es sich mit der an der Unterseite des Handgelenkes getragenen Uhr und bestimmten Wortgebrauch. Begrüßt wird sich untereinander nur noch auf Deutsch und Briefmarke heißt plötzlich „silla“ (mein gelerntes spanisches Spanisch). Das überall bekannte „llena“ für voll (wird übrigens so ausgesprochen wie mein Name, was zu lustigen Situationen geführt hat) wurde gegen mein „vornehmes satisfecha“ (satt) eingetauscht. Ich sollte mir irgendetwas ganz Verrücktes ausdenken, nur um zu sehen, ob dieses auch nachgeahmt wird

Inzwischen habe ich tatsächlich ein Wochenende am Strand verbracht – und nein, ich bin dem Wettergebnis nicht wirklich näher gekommen. Wie ich bereits einigen mitgeteilt habe, ist das Meer hier noch schöner, als auf den Postkartenmotiven. Blaues, klares Wasser, das es einem ermöglicht die kleinen, zwischen den Füßen schwimmenden Fische zu sehen, gehört genauso dazu, wie weißer Sand. Palmen, Sonne und Menschenleere perfektionisieren das Bild nur. Andererseits bin ich froh hier in der Mittelhochebene zu leben, denn mir wäre es an der Küste auf Dauer zu warm. Ticos haben sowieso ein sehr eigenartiges Temperaturempfinden – 20°C und Winterjacke (was bleibt denn dann für unseren Winter übrig?!?).

Als ich meine Postkarte aus Italien mit zur Schule genommen habe, war diese zunächst eine große Attraktion. Zum einem aufgrund des dicht belegtem Strandes, aber auch weil ich tatsächlich Post bekommen hatte. Ticos scheinen nie Briefe zu empfangen und wenn bei uns einmal der Postbote vorbeikommt, weiß gleich die ganze Straße, dass diese nur für die „alemana“ sein können.

Dennoch trübt dieses Bild noch immer das Eindringen in mein persönliches Eigentum. Ich bin nach Costa Rica gegangen mit dem Wissen, dass es sich zwar um ein für lateinamerikanische Verhältnisse sicheres Land handelt, ich aber stets auf meine Dinge und ganz besonders auf mich selbst Acht geben müsste. Ich bin eigentlich immer vorsichtig und achtsam… aber wahrscheinlich gehört es einfach dazu einen Diebstahl erleben zu müssen. Denn andererseits war es auch ganz lustig im Nachhinein in einer Polizeistation ohne Fenster, direkt am Wasser, mit dem Polizisten über seinen handgeschriebenen Bericht zu diskutieren (eine Stunde für ein paar Zeilen). Des Weiteren hat die allseits bekannte Federmappen-Uhr jetzt endlich Armbänder, was doch durchaus auch ganz positiv zu betrachten sein sollte. Nur meine alte Brille fehlt mir noch immer, zumal sie sie doch wohl höchstens zum Karneval verwenden können? Aber keine Sorge, mir geht es nach wie vor gut *lach*

Am Wochenende durfte ich an einer costaricanischen Hochzeit teilnehmen, wobei Kleider hier leider absolute Pflicht sind (ja, nach stundenlangem Suchen habe ich tatsächlich eines gefunden, das mir halbwegs zusagt). Der Morgen begann zunächst mit einem 4-1/2-stündigen Friseurbesuch für einen einfachen Haarschnitt. Die Menschen machen hier einfach alles, alles unglaublich langsam. Essen, gehen, schreiben, Haare schneiden… man könnte es natürlich auch andersherum betrachten und behaupten wir seien gehetzt. Anschließend folgte der Trauungsgottesdienst, der von einer Band musikalisch untermalt wurde. Predigt und Zukunftswünsche werden von der männlichen Verwandtschaft verlesen und anschließend bekommt das Paar einen riesigen Rosenkranz als symbolische Verbindung umgelegt. Trotz der Tatsache, dass nur mit der nächsten Verwandtschaft und den engsten Freunden gefeiert wird, war die Gästezahl beachtlich (Familie sind hier groß und kinderreich). Der Ablauf der Feierlichkeit an sich ähnelte dem deutschen ziemlich. Tanz, Essen und Unterhaltung. Natürlich war der Musikstil angepasst, es wurde hauptsächlich Reggaeton gespielt und der „Karneval“ des Luftballonszertretens (die zuvor in einem Netz an der Decke befestigt waren) war mir ebenfalls fremd. Aber die gute Laune der mich umgebenden Menschen war überwältigend und die Musikgeschmackdiskussionen und –Ratespiele haben mir wirklich Freude bereitet.

Die Examen sind inzwischen allesamt wieder zurückgegeben worden, wobei man auch eingestehen muss, dass die hier äußerst korrekturfreundlich aufgebaut sind. In Mathe z.B. gab es jeweils vier unterschiedliche Lösungen, von denen man eine ankreuzen musste (die Rechnungen auf dem Zusatzblatt fanden keine Beachtung, also habe ich sie einfach Mal weggelassen…). Noch schockierender fand ich das allerdings in der Spanisch-Klausur – so viel zum Verfassen eigener Texte. Letztendlich habe ich unter anderem in Musik teilgenommen und musste die Oberstimme von „Zwei leichte Flötenmärsche“ vorspielen. Hat wahrscheinlich gerade aufgrund des deutschen Titels so gut geklappt (obwohl die anderen meine Freude wohl nicht ganz nachvollziehen konnten). Die Kunstarbeit war zweiteilig und bestand aus einem Stillleben, welches ausschließlich Punkte enthalten durften und einem Aufsatz über den so genannten „Puntillismo“. Abgesehen von der Tatsache, dass mir eigentlich Prozente für meine Grammatik hätten abgezogen werden müssen, habe ich bedeutend mehr Zeugnis-Prozente erhalten, als eigentlich vorgesehen sind. Das liegt allerdings weniger an meinen Fähigkeiten, als am mangelnden Talent meiner Mitschüler. Ansonsten gibt es hier auch eine Verhaltensnote, die ursprünglich ebenfalls 100 Prozent beträgt, von der aber je nach Regelverstoß einiges abgezogen werden kann. Ich habe ein ziemlich dickes Heft verhalten, das alles sorgsam auflistet. Die Socken müssen dunkelblau sein, man darf höchstens eine Minute und zwanzig Sekunden zu spät kommen (woher stammt denn diese eigenartige Zahl?) und küssen auf dem Schulgelände ist sowieso das schlimmste Vergehen. Die Durchführung wird allerdings selten streng gehandhabt, zumal Unterricht sowieso dauernd nicht stattfindet. Die Lehrer kommen, wann es ihnen gerade gefällt und Vertretung gibt es hier sowieso nicht. Es gibt hier (wie teilweise schon beschrieben) zwei Unterrichtsmethoden. Nummer eins: Der Lehrer diktiert und die Schüler schreiben mit; Nummer zwei: der Lehrer hinterlegt im Kopierraum Papiere, die man sich im Vorfeld auf eigene Kosten besorgen muss und liest sie im Prinzip nur vor. Im letzten Fall ist es eigentlich nicht notwendig zum Unterricht zu erscheinen, was gerade in der Examenszeit von vielen Schülern ausgenutzt wird. Ferien werde ich erst am 15. Dezember bekommen und meine letzten schulfreien Tage waren die deutschen Pfingstferien…

Das Spanisch hier unterscheidet sich (wie bereits oben erwähnt) doch sehr von dem, was ich in der Schule gelernt habe. Zum einen einzelne Wörter, zum anderen schwerwiegendere Dinge. Zunächst siezt man hier eigentlich jeden, was vor allem mir anfangs besonders schwer viel (meinen Gastbruder siezen?!?). Andererseits gibt es mir eine ganz andere Wahrnehmung von Höflichkeit, wenn ich meiner Gastmutter mit ,,Si, señora“ zu antworten habe. Meine Uhrzeitangaben mit „… menos veinte“ versteht hier ebenfalls niemand. Außerdem wird nahezu alles durch ein angehängtes ,,-tico“ oder eben ,,-tica“ verniedlicht, woher die Einwohner dieses Landes auch ihren Namen haben.

Ich habe zwar nicht einmal ansatzweise mitgeteilt, was ich eigentlich hätte schreiben wollen, aber jetzt muss es erst einmal genügen. Stattdessen werden Unterhaltungen in Zukunft wohl von vielen, kleinen Anekdoten geprägt sein… bereits im Vorfeld eine Entschuldigung dafür.

Jenna
18.9.06 15:45


Pura Vida

Pura vida,

das ist bedeutend mehr, als eine einfache Grußformel. „Reines Leben“ symbolisiert die costaricanische Lebenseinstellung und verleiht vielen Situationen einen interessanten Charakter. Universell einsetzbar, immer im positiven Zusammenhang und doch stets ohne einen Schimmer von Floskelhaftigkeit. Die Menschen hier meinen und vor allem leben das, was sie sagen. Inzwischen habe ich viele interessante Persönlichkeiten kennen lernen dürfen und stets die ehrliche Freude, die die Worte ausdrücken, wahrnehmen können. Auch Wohlbefinden und scherzhafte Freudeausrufe sind einfach nur „Pura vida“.

Inzwischen habe ich mich halbwegs in den Schulalltag integrieren können und nehme dennoch jeden Tag gravierende Unterschiede wahr. Einem Besucher fällt wahrscheinlich zunächst das Schulgebäude an sich auf. Ich assoziiere immer wieder Mäusekäfige, wenn ich mit meinen Klassenkameraden durch einen der drei parallelen Teerwege gehe und auf beiden Seiten in regelmäßigen Abständen vergitterte Türen erscheinen. Die auffällig große Verwendung von Wellblech macht das Unterrichten bei starken Regenfällen nahezu unmöglich. Zur Fortbewegung wird auch innerhalb des Schulgeländes immer ein Regenschirm benötigt.

Irgendwann habe ich amüsiert, dass in wirklichen jedem Klassenraum ein Spiegel zu finden ist. Ticos sind sehr auf ihr Äußeres bedacht – auch wenn sie auf sonstige Sauberkeit keinen Wert zu legen scheinen. Die Gebäude sind verdreckt und vermüllt, auf den Schultoiletten gibt es kein Klopapier (da beschwere sich noch einmal jemand, der Papierspender am Waschbecken sei schon wieder leer).

Trotz allem kann man der Schule ihren gewissen Stil nicht nehmen. Dass der Unterricht qualitativ nicht zu vergleichen sein würde, war mir bereits im Vorfeld bewusst, aber die herzliche Aufnahme meiner Mitschüler war nur eine Hoffnung… die sich für mich auf unglaubliche Art und Weise erfüllt hat.

Nächste Woche beginnt die Examenzeit. Das bedeutet jeden Tag eine zweistündige Arbeit in einem anderen Fach zum vom Ministerium festgelegten Zeitraum. Ob drei Tests in einer Woche also tatsächlich Stress sind, ist durchaus Definitionssache…

Außer Mathe und Englisch wurden mir zumindest für die Anfangszeit sämtliche Arbeiten erlassen. Dennoch bedeutet das keine Aufgabenbefreiung – als wenn ich mit den immer eingesammelten und benoteten Hausaufgaben nicht bereits genug zu tun hätte, darf ich jetzt die verschiedensten Referate halten. Die kreativste Variante hat den Titel „Ferien in Deutschland“ und ich habe bisher im Prinzip gar keine Vorstellung, wie die aussehen könnte.

Meine Mitschüler haben unglaubliche Freude daran deutsche Schimpfwörter zu lernen. Manchmal habe ich das Gefühl die Bedeutung einiger Wörter ist der gesamten Schule bekannt. Aufgrund von Aussprache- und Übermittlungsproblemen kommen dabei allerdings hin und wieder lustige Situationen zustande^^

Es gibt sogar ein Mädchen, das drei Monate in Deutschland verbracht hat, um ein Rammstein-Konzert zu besuchen. Sie hat in der Zeit zwar kaum etwas gelernt, aber begrüßt mich dennoch immer auf Deutsch und bittet um die Übersetzung von Songtexten. Ich kann mir nicht erklären, wie gerade Rammstein es hier zu einer solchen Bekanntheit geschafft hätte haben können.

Ich habe inzwischen selbst erleben dürfen, dass Costa Rica seinem Ruf mit den meisten Feiertagen weltweit tatsächlich gerecht wird. Mein zweiter offizieller Schultag stürzte mich zunächst in große Verwirrung. Niemand hatte mich vorgewarnt, dass der Anschluss der Provinz Guancaste die Aufführung traditioneller Tänze bedeuten würde. Meine Mitschüler waren zunächst über meine Nichtkenntnis der einzelnen Elemente schockiert, hatten aber anschließend ziemliche Freude daran mir deren Bedeutung zu erörtern.

Doch beeindruckt hat mich vor allem der „Día de la Virgen de los Angeles“, welcher am 2. August zelebriert wird. Die Jungfrau von Cartago ist die Nationalheilige des kleinen Landes und bewegt jedes Jahr mindestens zwei Millionen Menschen zu einer Wanderung zur „Basilica de Nuestra Señora de Los Angeles“ in der bereits erwähnten Stadt Cartago. Der Pilgerweg beginnt in der Hauptstadt San José und führt 30km durch gebirgige Landschaft. Viele entscheiden sich allerdings ihre Reise von Zuhause aus anzutreten, was je nach Wohnort mehre Tage beanspruchen kann. Meine Familie hat die Berichte über die auf der Straße schlafenden Menschenmassen aufmerksam im Fernsehen beobachtet, aber selbst trotz tiefer Verwurzlung im katholischen Glauben darauf verzichtet.

Ich habe das Wochenende stattdessen auf dem Land bei Freunden und Verwandten von meiner Gastfamilie verbracht. Die Landschaft ist geprägt vom Anbau verschiedener Früchte. Zu meiner Überraschung wachsen Ananas (die hier übrigens Piña genannt werden) nicht etwa auf Bäumen, sondern sind im bodennahen Bereich zu suchen. Dass die Gewinnung von Zucker auch aus Zuckerrüben möglich ist, beeindruckte hingegen die Einheimischen. Ich finde die Rohr-Alternative allerdings bedeutend interessanter, zumal ich anfangs gar nicht wusste, was ich mit dem „Baumstamm“ in meiner Hand anfangen sollte und glaubte die Aufforderung zum Essen falsch verstanden zu haben.

Auch hier traf ich wieder auf unerwartete Erlebnisse, die ich wohl nie vergessen werde. Die Menschen, denen ich dort begegnet bin, ernähren sich hauptsächlich von Reisbrei, nur ein paar Früchte reichern hin und wieder ihren Speiseplan an. Für unsere Ankunft haben sie eines ihrer Hühner geschlachtet, ein besonderer Reichtum. Vielleicht mag man sich vorstellen, dass ich das mir zugeteilte Stück nicht mit Appetit verzehrt habe. Dennoch fühlte ich mich dazu verpflichtet und wollte nicht undankbar erscheinen. Trotz meiner zunächst gemischten Gefühle wurde ich allerdings schnell in die Unterhaltungen integriert und vom fröhlichen Lachen angesteckt.

Aber eigentlich sind es die Kleinigkeiten, die mir immer wieder besonders auffallen:

Geduscht wird prinzipiell kalt und jeden Tag mindestens einmal. Dennoch gehen Ticos sehr sparsam mit Wasser und Strom um – und das, obwohl der Grundbedarf mit der Begründung von Naturgütern hier sogar kostenlos vergeben wird.

Beim Einsteigen in ein Verkehrsmittel ist eine Bekreuzung üblich. Und auch ein Abschied verläuft häufig nach diesem Ritual und dem Wunsch nach der Begleitung durch Gott. Hier schimmert wieder die katholische Prägung durch. Unser Haus enthält ebenfalls viele christliche Symbole, an der Haustür hängt zum Beispiel eine handschriftliche Notiz „Gebe mir Zuflucht, wie ich an dich glaube.“ Auch ist es etwas ganz anderes, Menschen zu kennen, die tatsächlich eine halbe Stunde mit dem Rosenkranz beten, als einfach nur von dessen Existenz gehört zu haben. Neben Familienbildern gehören Ikonen zum Pflicht-Portmonee-Inhalt und auch ich habe bereits ein Abbild geschenkt bekommen. Selbst das Vaterunser beherrsche ich inzwischen in der noch immer fremden Sprache.

Ich habe bereits erwähnt, dass es hier keine Adressen gibt und möchte dem noch etwas hinzufügen: Es gibt nicht einmal Klingeln. Man macht stattdessen durch das Rufen eines Namens oder eines lang gezogenen „Uup“ auf sich aufmerksam.

Weitere Randnotizen: Rucksäcke werden nicht unten, sondern so weit oben, wie eben möglich getragen. Das geht soweit, dass einige eine „Einstieghilfe“ benötigen oder den Rucksack ausschließlich auf einer Schulter tragen.

Der 18. Geburtstag ist keine große Angelegenheit, während dem 15. eines Mädchens große Bedeutung zugemessen wird. Einer der wenigen Anlässe, zu denen es hier tatsächlich Kuchen gibt (natürlich auch wieder viel zu süß).

Ich möchte außerdem einige Situationen zitieren:

„Und du bist doch Amy…“ (meine Englischlehrerin aufgrund meiner für costaricanische Verhältnisse sehr guten Sprachkenntnisse)

„Darf ich einmal deine Haut anfassen? … Da sieht man ja die Mückenstiche!“ (kleines Mädchen in Guapilles)

„Morgen werden wir einmal richtig ausschlafen.“ (Wir sind anschließend um 7:30 Uhr aufgestanden)

„Wie viel kostet…?“ (meine Klassenkameraden haben, nachdem sie sämtliche Produkte hinterfragt hatten, beschlossen, dass ein Schokoladenimport am lukrativsten wäre)

„Wie ist deine Einstellung zu Hitler?“ (oder sämtliche Abwandlungen dieser Frage – und dann soll man bitte einmal anfangen auf einer fremden Sprache zu erklären, dass Hitler nicht mehr lebt)

„Trinkt ihr eigentlich die grüne Milch?“ – „Häh?“ – „Eure Kühe geben doch grüne Milch.“ (Es hat einige Zeit gedauert bis ich realisiert habe, dass mein Gegenüber anscheinend irgendwann etwas von der BSE-Krise gehört zu haben scheint)

„Wann spricht du mit deinen Eltern Deutsch und wann Französisch?“ – *verwirrter Blick* - „Ihr sprecht doch auch Französisch.“ (mehr oder weniger)

„Es gibt hier eine Bar, die hat um zwölf Uhr noch offen, unglaublich, oder?“ –allgemeine Zustimmung-

„In Deutschland studieren nicht alle?“ „Ihr habt viel zu viel Geschichte.“ „Es gibt bei euch wirklich keine Regenzeit?“ „Warst du im Stadion, um die WM zu verfolgen? Costa Rica hätte unter folgenden Umständen gewonnen… (halbstündiges Referat)“

Meine einzige wirkliche Informationsquelle hier ist leider das Internet. Fernsehnachrichten geben mir zwar einen kurzen Überblick, aber sind nur zu einem sehr kleinen Anteil international. Zeitungen scheint es hier nur auf Bildzeitung-Niveau zu geben. Die Sportseiten nehmen prozentual den größten Anteil ein.

Fernsehen ist hier sowieso eine Besonderheit. Sämtliche Filme sind auf Englisch mit spanischen Untertiteln (ich habe sogar schon „Fluch der Karibik 2“ mit meinen Klassenkameraden im Kino gesehen). Die Ticos bevorzugen allerdings wirklich kitschige Telenovelas, die sie sich emotionsgeprägt ansehen. Meine Familie sitzt momentan wieder lachend und weinend vor dem Fernsehgerät und wundert sich, weshalb es für mich nicht wichtig wäre, eine Sendung zu verpassen. Eigentlich könnte ich mich jetzt zu ihnen setzen, versalzenes Popcorn essen und bestätigen, dass es in Deutschland tatsächlich eine gesüßte Variante gibt. Warum eigentlich nicht?

Ein flüchtiges „Hasta luego“

Jenna
15.8.06 21:52


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